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Reizvolle Vision wird zum anspruchsvollen Projekt

So sieht die Karlstraße heutre aus. 30.000 Fahrzeuge schlängeln sich entlang der westlichen Stadtmauer täglich entlang. Bild: F.Enderle
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Die Stadt Ravensburg hat beim Landesprogramm „Klimamobil“ als eine von 15 Kommunen den Zuschlag für ein anspruchsvolles Projekt erhalten. Ziel soll sein, die Altstadt und Bahnstadt qualitativer miteinander zu verbinden und zugleich einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz zu leisten. Noch hat die Projektgruppe einen hohen Berg an Einzelfragen zu erklimmen, am Ende könnte für Ravensburg aber eine kleine verkehrstechnische Revolution stehen. Am Donnerstag hat die Stadt Ravensburg konkrete Ideen vorgestellt.

Dass bei den Bestrebungen nach mehr Klima- und Umweltschutz der innerstädtische Verkehr eine bedeutende Rolle spielt, steht seit Jahren außer Frage. Auch wenn sich der Individualverkehr und gewerbliche Fahrzeuge wohl niemals aus den Innenstädten komplett verdrängen lässt, so könnten Veränderungen an neuralgischen Punkten dennoch positive Effekte bringen. Einher geht dabei auch das Bestreben, den Öffentlichen Personen Nahverkehr (ÖPNV) und den Fahrradverkehr attraktiver und effektiver zu machen. Ganz oben soll letztlich der Effekt stehen, dass das Mikro-Klima in der Stadt Ravensburg besser wird und die Aufenthaltsqualität attraktiver.

Mehrere Stufen bei der Umsetzung vorgesehen

Unabhängig vom Projekt „Klimamobil“ schon konkret ist das Vorhaben, den Hirschgraben zur reinen Busstraße (plus Anwohner und Anlieferverkehr) zu machen. Bereits beim Christkindlesmarkt vorletztes Jahr gab eine Testphase hierzu, eine provisorische Verkehrsführung könnte noch in diesem Jahr eingerichtet werden, die finale Umsetzung könnte dann im Herbst 2022 beginnen – vorbehaltlich der Zustimmung durch den Sach-Ausschuss und der erfolgreichen Aufträge-Vergabe.

Ein Teil des Konzepts, aber in der Thematik schon lange in der öffentlichen Diskussion, ist Umgestaltung des kompletten Marienplatzes zur Fußgängerzone. Dies könnte in zwei Bauabschnitten realisiert werden. Zunächst der südliche Marienplatz mit seinen zahlreichen Gastronomie-Angeboten, später im zweiten Abschnitt der nördliche Teil inklusive der Bachstraße. Während viele Bürger und Besucher der Stadt diese Idee wohl überwiegend gut ankommen wird, ist die Sache beim örtlichen Handel und Gewerbe seit Jahren heiß umstritten. Auch dürfte noch zu klären sein, in welchem Umfang der öffentliche Nahverkehr über den Marienplatz fährt. „Denkbar wären da auch etwas kleinere E-Shuttles, welche den Marienplatz an den ÖPNV anbinden“, sagte Daniel Rapp bei der Vorstellung des „Klimamobil“ Konzepts. Generell müsse bei der Umsetzung des Konzepts auch dabei herausspringen, dass der ÖPNV attraktiver werde. Erreicht kann dies unter Umständen damit, dass durch die Neukonzeptionen der Bushaltestellen Busfahrten von A nach B kürzer werden könnten. Doch auch hier braucht es noch viel und qualitative Planungsarbeit.

„Dieses Projekt ist eine riesengroße Herausforderung. Ich bin aber sicher, dass am Ende alle davon profitieren werden.“

Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg

Noch reine Visionen sind die Details des Ravensburger Projekts „Klimamobil“ zu den Änderungen für die Karl-, Georg- und Zwergerstraße. Diese wichtigen Verkehrsadern am Rande der historischen Altstadt und der Bahnstadt sollen künftig in beide Richtungen befahren werden. Die Georgstraße und der untere Teil der Zwergerstraße sollen dabei weiter als Straßen mit priorisierter PKW Nutzung mit Tempo 50 fungieren. Die prägendste Änderung soll die Karlstraße erfahren. Die einstige von der Stadtmauer und dem Stadtgraben markierte Westgrenze der Ravensburger Altstadt soll zu einem Boulevard umgestaltet werden, auf dem PKWs, Fußgänger und Radfahrer auf offene Weise und barrierefrei begegnen. Es soll nur noch zwingend wichtige Ampeln und Abbiegespuren geben, die Höchstgeschwindigkeit wäre für 20 Km/h vorgesehen. Integriert werden sollen neben dem Radschnellweg Ravensburg-Friedrichshafen auch Bushaltestellen in beide Fahrtrichtungen. Derartige Begegnungszonen gibt es bereits beispielsweise in Vorarlberg – mit guten Erfahrungen. „Wir haben uns das vor Ort angeschaut. Anfangs konnte man sich dort das überhaupt nicht vorstellen, inzwischen klappt das sehr gut“, berichtete Oberbürgermeister Daniel Rapp.

Julia Zyder, Projektleiterin des Umweltsamts mit Oberbürgermeister Daniel Rapp. Bild: F.Enderle

Dass die Änderung der Fahrtrichtungen und der Einschnitt in der Karlstraße bei vielen Bürgerinnen und Bürgern sowie Pendlern zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer vorstellbar sein dürften, dafür hat die Stadt Ravensburg und der OB durchaus Verständnis. Er gibt aber klare Impulse zur Überlegung: „Die Verkehrsführung dieser Straßen in nur eine Fahrtrichtung ist einer Zeit entwachsen, in der es die vierspurige B30 Süd noch nicht gab“, betont Oberbürgermeister Daniel Rapp und ergänzt: „Inzwischen macht es doch gar keinen Sinn mehr, dass der ganze Verkehr einmal um das Karree fährt.“

Dass dies ein enormer Einschnitt in die Verkehrsflüsse des gesamten Stadtgebiets wäre, sieht auch die Stadt Ravensburg als große Herausforderung. Daher sollen von einem renommierten Institut erst einmal Berechnungen und Simulationen durchgeführt werden. Die Planungs-Kosten des Projekts werden übrigens zum allergrößten Teil durch das Landesprojekt „Klimamobil“ übernommen. Die weiteren konkreten Umsetzungen könnten dann über separate Förderprogramme von Land und Bund bezuschusst werden.

Die potenziellen Kosten des Projekts sind derzeit noch genauso weit weg, wie die mögliche Zeitschiene. „Wir sind da noch ganz am Anfang“, betonte OB Daniel Rapp. Im Idealfall könnte der Gemeinderat im Herbst einen Grundsatzbeschluss fassen, bis dahin will die Stadtverwaltung Handel, Gewerbe und nicht zuletzt die Bürgerschaft von der Vision „Klimamobil“ überzeugen. Dass das Projekt beim Land Baden-Württemberg schon einmal sehr gut ankam, beweist der Umstand, dass Ravensburg mit 14 anderen Kommunen den Zuschlag bekam. „Beim Verkehrsministerium war man durchaus begeistert“, sagte Daniel Rapp.