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IHK zum Brexit: „Bereiten uns auf das Schlimmste vor“ 

In ihrer Sommersitzung hat sich die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) über die Unternehmensgruppe Geberit in Pfullendorf informiert und nach einem beeindruckenden Betriebsrundgang von Robert Lernbecher,

Geschäftsführer der Produktions GmbH, über die Auswirkungen eines möglichen Brexit beim europäischen Marktführer für Sanitärprodukte unterrichten lassen. Einstimmig verabschiedete die Vollversammlung in der Sitzung zudem die IHK-Digitalisierungsstrategie. Damit legte sie den Rahmen für weitergehende Digitalisierungsmaßnahmen fest.

Die weltweit tätige Geberit-Gruppe mit ihren 12.000 Mitarbeitern, dem Konzernhauptsitz in Rapperswil-Jona in der Schweiz und einem Umsatz von 3,1 Milliarden Schweizer Franken in 2018 sowie eigenen Vertriebsorganisationen in 50 Ländern wäre von einem Brexit besonders betroffen, so Lernbecher. Bereits 1999 war Geberit mit dem Vertrieb in Großbritannien eingestiegen, seit 2014 wächst man dort mit mittlerweile 155 Mitarbeitern plus 80 Außendienstlern mit großen Erfolgen.

Auf jedes Brexit-Szenario vorbereitet
Seit dem Referendum im Juni 2016 verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum im Königreich. Mittlerweile, so Lernbecher, ist Großbritannien von einem der Spitzenreiter zum Schlusslicht in der EU geworden. Besonders die Bauindustrie schrumpft. Geberit erwartet im Fall des Brexit Auswirkungen und Risiken (Preiserhöhungen/Reduzierung der Durchlaufzeiten) für ihre Vertriebsgesellschaft. Derzeit liege das Hauptaugenmerk weiterhin auf Kontinuität und Produktversorgung. Weil niemand weiß, was passiert, ist „Geberit auf jedes Brexit-Szenario vorbereitet“, sagte Lernbecher und: „Wir sind auf das Schlimmste gefasst.“ Denn: „Die sind verrückt genug, gegen die Wand zu fahren.“

Eingangs der Vollversammlung bedankte sich Pfullendorfs Bürgermeister Thomas Kugler für die gute Zusammenarbeit mit der IHK und stellte seine Stadt vor, die sich als Industrie- und Gewerbestandort versteht. Mit Betriebsansiedlungen war man im vergangenen Jahr in Pfullendorf äußerst erfolgreich. Zuletzt zog die Firma Kramer von Überlingen in die Stadt. Auch im Wohnbau und der Gewerbeentwicklung geht es voran. In 2018 verkaufte man zwischen 30 und 40 Bauplätze, pro Jahr ziehen 120 Neubürger nach Pfullendorf, das seit 60 Jahren auch Garnisonsstadt ist. Und die Entwicklung könnte noch besser sein, wäre man bei der Wohnraum- und Flächenentwicklung nicht mit einem „schwerfälligen Land“ konfrontiert. „Wir müssen Flächen anbieten können“, appellierte der Bürgermeister für mehr Entscheidungsspielräume der Kommunen in Sachen Flächenausweisung. Pfullendorf sieht sich als wichtiger Aktivposten in der Region und mit seiner erfolgreichen Kommunalpolitik als „Aufgaben- und Problemlöser“ – gemeinsam mit den Unternehmen, betonte er.

Digitalisierungsstrategie der IHK steht
Einstimmig hat die Vollversammlung unter Führung von IHK-Präsident Martin Buck die zuvor von Dr. Sönke Voss, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs IT | Innovation | Technologie, erläuterte Digitalisierungsstrategie beschlossen, in welcher der strategische Rahmen für die weitergehenden Digitalisierungsmaßnahmen festgelegt ist. „Geben Sie uns das Mandat“, hatte Hauptgeschäftsführer Professor Dr.-Ing. Peter Jany die Vollversammlung gebeten. Er ist überzeugt davon, dass aus diesem Handlungsrahmen eine Vielzahl innovativer Unterstützungsangebote für Unternehmen, neuartige Instrumente der Interessenvertretung sowie eine weitere Steigerung von Effizienz und Qualität im Bereich hoheitlicher Aufgaben resultieren werden. Die von der IHK Bodensee-Oberschwaben entwickelte Digitalisierungsstrategie fügt sich in die Strategien und Strukturen der Gesamt-IHK-Organisation ein und legt den Rahmen für weitere Digitalisierungsschritte fest.

Mittlerweile ist die Abdeckung digitaler Themen in der Erstberatung von Mitgliedsunternehmen ebenso Alltag wie in der Aus- und Weiterbildung oder der politischen Interessenvertretungen. Neue Technologien erlauben im Service-Bereich eine nahezu unbegrenzte Skalierbarkeit von Angeboten. Im hoheitlichen Bereich bieten IHK-übergreifend vereinheitlichte Lösungen und Self-Serviceangebote erhebliche Kosten- und Effizienzvorteile. Mittelfristig, so die IHK, wird jeder derzeit noch manuelle oder mit Medienbrüchen behaftete Prozess, der sinnvoll digitalisiert werden kann, digitalisiert werden.

Fachkundeprüfung für den Straßenpersonen- und Güterverkehr
Die Vollversammlung beschloss einstimmig die Neufassung der Prüfungsordnung für Fachkundeprüfungen für den Straßenpersonen- und Güterverkehr. Der Text der Prüfungsordnung basiert auf der Empfehlung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), und wurde, so Hauptgeschäftsführer Jany, von Fachleuten in ganz Deutschland ausgearbeitet. Mit dessen Empfehlung soll eine einheitliche Durchführung der Prüfungen in Deutschland gewährleistet werden.

Positive regionale Ausbildungssituation
Im weiteren Verlauf der Vollversammlung berichtete der IHK-Bereichsleiter Ausbildung, Markus Brunnbauer, von einer positiven dualen Ausbildungssituation und bisher 1768 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen, einem Plus von 9,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei gleichbleibenden Schülerzahlen. Ein Wachstum gibt es bei den Industrie- und Bankkaufleuten und auch bei den Metall- und Elektroberufen. Im Hotel- und Gaststättenbereich bewegt man sich von weit unten ebenfalls wieder im Wachstumsbereich. Im Einzelhandel gibt es noch ein Minus. Brunnbauer hofft aber auch hier noch auf die Wende. Zudem konnte man viele Geflüchtete für eine Ausbildung gewinnen. Versucht werde nun insgesamt, so Brunnbauer weiter, die Eltern zu überzeugen, dass es für ihre Kinder mehr Alternativen als nur das Studium gebe.

Weiteres aus der IHK-Arbeit
IHK-Bereichsleiter Ausbildung, Markus Brunnbauer, berichtete außerdem vom Bündnispapier zur Stärkung der beruflichen Ausbildung und des Fachkräftenachwuchses, dessen Ziel es ist, die Qualität der Berufsausbildung zu stärken. Zudem entstehe derzeit ein staatliches Exzellenzgymnasium für die MWT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik in Bad Saulgau. Dr. Wolfgang Heine gab anhand des Bundesverkehrswegeplanes 2030 einen Sachstand zur Straßenplanung und zeigte die im Bau befindlichen und geplanten Projekte des Bedarfsplans im nördlichen Bodenseeraum auf.

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