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Aktuelle Themen aus Wirtschaft und Region

Aus der Arbeit des Deutschen Industrie- und Handelskammertags berichtete der aus Berlin virtuell zugeschaltete Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben in der Vollversammlung. Bild: DIHK

Auch wenn das Thema Corona noch immer allgegenwärtig ist, konnte Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), Mitte Oktober einen Teil der Mitglieder der IHK-Vollversammlung in Weingarten in Präsenz begrüßen. Es sei schön, sich wieder live zu begegnen und auszutauschen, betonte Buck – auch wenn dies unter Einhaltung der 3G-Regel, mit den erforderlichen Mindestabständen und mit Maskenpflicht geschehe. Das gewählte Format einer hybriden Sitzung bewährte sich: Einige Vollversammlungsmitglieder und Referenten hatten sich virtuell zugeschaltet und kommunizierten via Bildschirm – so auch Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), aus Berlin.

Erfahrungsbericht Handel

Über die aktuelle Lage im Handel beziehungsweise Einzelhandel informierte Vizepräsident Marcus Thommel die Teilnehmenden zu Beginn der Veranstaltung. Der Einzelhandel sei mit rund 100.000 meist inhabergeführten und mittelständischen Betrieben der drittgrößte Wirtschaftszweig in Baden-Württemberg, sagte Thommel, dessen Familienunternehmen über eine 148-jährige Handelserfahrung verfügt. Rund 520.000 Beschäftigte seien landesweit im Einzelhandel tätig. Mit circa 14.000 Auszubildenden sei der Wirtschaftszweig zudem derjenige mit den meisten kaufmännischen Azubis. Dennoch gebe es einen spürbaren Strukturwandel. Corona und der Online-Handel, der allein im vergangenen Jahr um 23 Prozent gewachsen sei, hinterließen ihre Spuren, wie rückläufige Zahlen signalisierten, so Thommel. So haben laut Handelsverband Deutschland (HDE) von ehemals rund 450.000 Innenstadt-Geschäften schon 40.000 aufgegeben. Weitere 80.000 bis 120.000 Aufgaben drohen.

Allein im Textilhandel sei die Zahl der Betriebe von 23.000 auf 15.000 gesunken. Der größte Treiber im Online-Handel sei Amazon, gefolgt von Otto und Zalando, so Thommel weiter. Die großen Kernbranchen Fashion und CE/Elektro hatten 2020 einen Anteil von 47,6 Prozent. Hinzu komme eine Veränderung auf Kundenseite. „Die Verbraucher sind differenziert und unberechenbar geworden“, so Thommel.  Kunden seien heutzutage vor allem preisorientiert, bequem und anspruchsvoll, auch der demografische Wandel mache sich bemerkbar. „Viele informieren sich vorab im Internet und kommen dann zur Beratung zu uns ins Geschäft.“ Neben einer abnehmenden Wirtschaftlichkeit kämpfe der Einzelhandel vor allem auch mit Nachfolgeproblemen. „Jeder dritte Einzelhändler steht vor der Übergabe. 40 Prozent der geplanten Nachfolgen scheitern“, so Thommel.

Von dem Strukturwandel am meisten betroffen seien die Innenstädte. „Viele Innenstädte laufen Gefahr, von einem Zentrum gesellschaftlichen Lebens zu einer bloßen Ansammlung von Behausung und Verkehrsadern zu erodieren“, zitierte Thommel eine Aussage beim diesjährigen Konstanzer Konzilgespräch, an dem auch Dr. Dirk Funck, Professor für Multi-Channel-Handel, Sales-Management und Kooperationsmanagement an der HfWU Nürtingen-Geislingen, teilnahm. Doch der Einzelhandel sterbe nicht, selbst wenn der e-Commerce-Anteil stetig steige, betonte Thommel und verwies auf die Vorteile des stationären Handels. „Verbraucher lieben Geschäfte. Sie möchten das Produkt sehen, berühren, an- und ausprobieren und gleich mitnehmen.“ Der Strukturwandel im Einzelhandel lasse sich nicht aufhalten, aber er könne gestaltet werden, so sein Appell.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben berichtet über DIHK-Arbeit
Aus der Arbeit des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) berichtete der aus Berlin virtuell zugeschaltete Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben den Vollmersammlungsteilnehmenden. Migration, Demografie, Klimaschutz, politische und wirtschaftliche Entwicklungen – europaweit und weltweit gebe es jetzt und in Zukunft enorme Herausforderungen zu bewältigen. Der DIHK verstehe sich dabei als Sprachrohr der Wirtschaft und gebe immer wieder wichtige Impulse an Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit, so Wansleben.

Der DIHK vertritt die gesamte gewerbliche Wirtschaft in Deutschland. Seine Mitglieder sind die 79 Industrie- und Handelskammern mit mehreren Millionen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen – vom Kleinstunternehmer bis zum Großkonzern. Darüber hinaus koordiniert der DIHK das Netzwerk von mehr als 140 Auslandshandelskammern, Delegationen und Repräsentanzen der Deutschen Wirtschaft in 92 Ländern. „Wir setzen uns auf Bundes- und auf Europaebene für die gewerbliche Wirtschaft ein – beispielsweise für weniger Bürokratie, freien Handel oder eine digitalisierte Verwaltung“, betonte Wansleben. So vielfältig wie die Unternehmenslandschaft in Deutschland sei, so vielfältig sei auch das Meinungsspektrum zu den unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Themen. Die Interessen der Betriebe über alle Wirtschaftszweige und Branchen hinweg würden dem DIHK durch die IHKs vermittelt, so Wansleben weiter. Dieser berücksichtige bei der Sondierung und Abwägung die Unternehmensrückmeldungen. Die IHK-Organisationsstruktur bewähre sich bestens, betonte Wansleben – dies habe sich auch bei der Corona-Pandemie gezeigt. Mit Unterstützung seiner Mitgliedskammern entwickle der DIHK gemeinsame Positionen der deutschen Wirtschaft. „Wir gestalten die wirtschaftspolitische Meinungsbildung in Berlin und Brüssel ausgewogen und authentisch mit.“

Beschlussgegenstände

Auch Beschlussgegenstände standen auf der Tagesordnung der IHK-Vollversammlung. So erteilten die Mitglieder unter anderem den Leitlinien des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) zum Thema Wasserstoff und einem Positionspapier zur Versorgungssicherheit und -qualität der Stromversorgung in Süddeutschland ihre Zustimmung. „Auf dem Weg zur Treibhausneutralität bis zum Jahr 2045 gilt es, zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen“, sagte Dr. Sönke Voss, Leiter des IHK-Bereichs IT, Innovation und Technologie, und nannte neben dem Ausstieg aus der Kernkraft und dem Kohleausstieg auch einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. Durch E-Mobilität, Wärmepumpen, Elektrolysekapazitäten und Digitalisierung steige der Strombedarf kontinuierlich. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern süddeutsche IHKs daher den Erhalt der hohen Versorgungssicherheit, einen verlässlichen Fahrplan, den Ausbau besonders netzdienlicher Betriebsmittel, eine Reduzierung der Komplexität im Strommarkt sowie die Verfügbarkeit ausreichender Reservekapazitäten. Um den Ausbau der Stromnetzte wesentlich zu forcieren, seien eine Beschleunigung und Vereinfachung der Genehmigungsverfahren unabdingbar, so Voss. Im Frühjahr 2022 plane man eine gemeinsame Veranstaltung der IHKs mit politischen Vertretern. In seinen Leitlinien Wasserstoff fordere der BWIHK mit Blick auf einen Markthochlauf der Wasserstofftechnologien unter anderem die Förderung wettbewerblicher Marktstrukturen und Technologieoffenheit sowie die substanzielle Förderung von Forschungsprojekten, so Voss weiter. Auch müssten laut BWIHK dringend Investitionsanreize gesetzt werden.

Aktuelles aus der IHK-Arbeit

Über die aktuelle Ausbildungssituation in der Region Bodensee-Oberschwaben informierte IHK-Hauptgeschäftsführerin Anje Gering die Vollversammlungsmitglieder. Mit 2.234 neu eingetragenen IHK-Ausbildungsverhältnissen zum Stichtag 30. September 2021 – Ende August dieses Jahres waren es noch 2.016 – ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr erneut gesunken. Noch immer sind zahlreiche Ausbildungsplätze in der Region nicht besetzt. Bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen liegt der kaufmännische Bereich mit insgesamt 1.188 Verträgen (Ende August 1.061) weiterhin vorne (53,2 Prozent), gefolgt von 899 Verträgen im gewerblich-technischen Bereich (Ende August 813) und 147 bei den Hotel- und Gaststättenberufen (Ende August 128). Um die Ausbildungszahlen zu steigern, waren die IHK-Ausbildungsberaterinnen und -berater in den Sommerferien in den Landkreisen Sigmaringen und Ravensburg sowie im Bodenseekreis auf einer Städtetour unterwegs. Unter dem Motto „Eis schlecken, Ausbildung checken!“ warben sie auf zentralen Plätzen vor Ort für eine duale Ausbildung und unterstützten Jugendliche bei ihrer Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz. Für Zugewanderte biete das Projekt Integration in Ausbildung eine gute Perspektive, berichteten die beiden IHK-Beraterinnen Claudia Bissinger und Isabel Wagner. Ziel des bis zum 31. Dezember 2022 laufenden „Kümmerer-Programms“ des Landes Baden-Württemberg sei die Vermittlung in Ausbildung, beispielsweise durch Beratung von Unternehmen, digitale Beratungen oder Online-Seminare und Workshops. Seit Projektbeginn, so Bissinger und Wagner, seien 201 Zugewanderte beraten und begleitet worden. In diesem Jahr gebe es 13 neue Projektteilnehmende. Sehr erfolgreich verlaufen seien auch zwei Sommercamp-Workshops – ein Spezialkurs für Wiederholder aus der Gastronomie sowie ein Prüfungsvorbereitungskurs. Für das Jahr 2022 plane man ein Ausbildungsprogramm mit der Auslandshandelskammer Türkei. Das Pilot-Projekt habe die Akquise von Jugendlichen aus der Türkei als Auszubildende in der Region Bodensee-Oberschwaben im Fokus.

Im kommenden Jahr werde sich die IHK Bodensee-Oberschwaben mit einer Regionalbefragung an der Mitgliederakzeptanzstudie des DIHK beteiligen, kündigte IHK-Hauptgeschäftsführerin Anje Gering an. Die IHK Bodensee-Oberschwaben beteiligte sich zuletzt 2014 mit einer Regionalbefragung. Ziel der Regionalbefragung sei es, die Wirksamkeit der IHK aus Sicht ihrer Mitglieder zu erheben und aus den Ergebnissen unter Umständen Neujustierungen beim Service- und Informationsangebot vorzunehmen. Frühere Umfragen hätten gezeigt, dass die IHK Bodensee-Oberschwaben von den IHK-Mitgliedern, die in Kontakt mit ihr stehen, als sehr positiv wahrgenommen wird. Die neue Befragung soll die Bindungsqualität der Mitglieder zu ihrer IHK untersuchen. „Wir möchten auch die erreichen können, welche die IHK bisher nicht so gut kennen“, so Anje Gering.

 

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