MECKENBEUREN-LIEBENAU – Michelle wirft Teller an die Wand, John hängt wie eine Klette an seinen Betreuern und Sam nervt, weil er ständig dieselben Fragen stellt. Was die drei verbindet: Ihr emotionaler Entwicklungsstand entspricht nicht unbedingt ihrem biologischen Alter, sondern kann sich in unterschiedlichen Phasen befinden. Und sie waren Fallbeispiele bei einem hochkarätig besetzten und sehr praxisbezogenen Fachtag der St. Lukas-Klinik der Stiftung Liebenau. Rund 200 Fachkräfte aus dem Bereich der Behindertenhilfe nahmen daran teil, etwa weitere 100 waren online zugeschaltet.
Das SEO-Konzept als Basis
Dieser Fachtag beleuchtete weiterführende Aspekte des SEO-Konzeptes, das Professor Dr. Anton Došen (1939-2023) entwickelt hatte. Dieses Konzept geht davon aus, dass die emotionale Entwicklung (SEO) von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung zuweilen nicht parallel zum biologischen Alter und/oder zur kognitiven Entwicklung verläuft. Wenn sich also Menschen wie Michelle, John und Sam auf einem niedrigen emotionalen Entwicklungsstand befinden, dann kann dies so manches problematische Verhalten erklären. Es kann klarer von einer psychischen Störung abgegrenzt und zum Beispiel als Ausdruck von Überforderung oder Bindungssuche verstanden werden. Betreuungspersonen können dann in der Milieutherapie entsprechend damit umgehen.
Noch immer eine InspirationDie
Lukas-Klinik macht seit Jahren gute Erfahrungen mit dem SEO-Konzept und setzt sich dafür ein, es weiter zu etablieren. Bei ihrem 5. Internationalen Fachtag arbeitete die Klinik erneut mit der Europäischen Gesellschaft für psychische Gesundheit bei Intelligenzminderung (EAMHID) und mit dem Europäischen Netzwerk für emotionale Entwicklung (NEED) sowie diesmal auch mit der Prof. Anton Došen Stiftung zusammen. Deren Präsidentin, Rahela Došen, stellte beim Fachtag das Vermächtnis ihres Vaters vor. Er habe einen bahnbrechend neuen Ansatz für die Behandlung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen aufgezeigt. „Seine Erkenntnisse sind immer noch eine Inspiration für Fachleute in verschiedenen Disziplinen“, sagte sie.
Wichtig für die Milieutherapie
Die weiteren Vorträge, die simultan vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurden, belegten diese Aussage in vielfacher Hinsicht. Alle Referentinnen und Referenten haben eine oft jahrzehntelange Erfahrung in ihrem jeweiligen Fachgebiet und vermittelten ihre Erkenntnisse sehr praxisnah und bisweilen mit viel Humor. So gingen Leen De Neve und Dr. Filip Morisse aus Gent/Belgien der Frage nach, was der emotionale Entwicklungsstand für die heilpädagogische Betreuung und Milieutherapie bedeutet. „Unsere Klienten sind im Grunde gar nicht so anders als wir“, sagte Morisse. „Ihr Verhalten kann schwierig und ärgerlich sein. Aber es kann normal sein, wenn es dem emotionalen Entwicklungsstand entspricht.“ Die Frage lautet: Wie schaffen es Betreuungspersonen und ihre Klienten, sich gut aufeinander einzustimmen? „Lernen Sie, den anderen zu lesen“, riet Leen De Neve.
Von Zauberern und guten Feen
In den Beispielen ging es immer darum, zu erkennen, welche emotionalen Bedürfnisse der Klient oder die Klientin haben. Mal stand die Balance zwischen Nähe und Distanz im Fokus, mal ging es um Sicherheit und Selbstbestimmung. Klar wurde auch: Die Übergänge sind fließend, Patentrezepte gibt es nicht. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll für die betreuenden Personen. „Sie sind Spitzensportler, Zauberer und gute Feen“, sagte Morisse. Er forderte die Fachkräfte deshalb auf, gut darauf zu achten, welche Bedürfnisse sie selbst haben und was sie brauchen, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.
Im Kontext von Autismus
Els Ronsse aus Asper/Belgien widmete sich in ihrem Vortrag der emotionalen Entwicklung im Hinblick auf Autismus. Auch sie erläuterte anhand von Fallbeispielen, dass viele Verhaltensweisen oft weniger autistisch sind, als es scheint. Sondern: „Sie sind Ausdruck des emotionalen Entwicklungsstands“, sagte sie. Herausforderndes Verhalten werde meist ausgelöst durch Kommunikationsprobleme, Stress und durch ein Umfeld, das zu viel verlangt. Sie warb deshalb dafür, schwieriges Verhalten von Menschen mit Autismus auch entwicklungsbedingt zu betrachten. Dieser Perspektivenwechsel führe zu mehr Verständnis, somit zu mehr Unterstützung und letztlich zu einer höheren Lebensqualität der Klientinnen und Klienten.
Aspekte der sexuellen Entwicklung
Jolanda Vonk aus Helmond/Niederlande beleuchtete die emotionale Entwicklung im Kontext der Sexualität. Sie erläuterte Sexualität als Teil der Persönlichkeitsentwicklung und sprach auch mögliche Probleme wie Missbrauch oder sexuell unangemessenes Verhalten an. Ihr ist es wichtig, Sexualität offen zu thematisieren, Fachkräfte zu schulen und individuelle Unterstützung zu bieten.
Fallbeispiele mit Wirkung
Dr. Trine Lise Bakken aus Oslo/Norwegen berichtete über Fallbeispiele aus der klinischen Praxis. Eine Patientin fiel durch Wutanfälle auf, ein anderer Patient durch Selbstverletzung und wiederum ein anderer durch Angst und Depression. Sie alle waren hinsichtlich ihrer sozialen Funktionsfähigkeit und ihrer Fähigkeit zur Emotionsregulation überschätzt worden. Trine Lise Bakken erläuterte, wie sich ihr Zustand stabilisierte und verbesserte: „Der Schwerpunkt lag in erster Linie darauf, die emotionalen Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten zu erkennen und darauf einzugehen.“
Eine praxisnahe Fortsetzung fand der Fachtag am darauffolgenden Tag für Mitarbeitende der Stiftung Liebenau. In Workshops vertieften sie die Impulse, Anregungen und Erkenntnisse der Vorträge.


