rv-news.de
Ravensburg

„Wir wachen endlich wieder mit einem guten Gefühl auf“

Moderatorin Sabine Oehlrich, die Schwestern Lisa und Lea Grabarits sowie Oberarzt Dr. Philipp Guttenberg, Leiter des Endometriosezentrums am St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg. Bild: Jürgen Schattmann/OSK

Lisa und Lea Grabarits, zwei 26 und 29 Jahre alte Schwestern aus Ravensburg, haben trotz ihres jungen Alters bereits einen Leidensweg hinter sich, der als Martyrium bezeichnet werden kann. Seit der ersten Regelblutung im Alter von 14 Jahren respektive seit dem Erwachseennalter leiden die beiden an einer chronischen Krankheit, die jede sechste Frau in Deutschland betrifft und die im Schnitt acht Jahre lang unerkannt bleibt: Endometriose.

- ANZEIGE-



Als die beiden beim Endometriose-Talk zum Abschluss eines Ärzte-Symposiums im St. Elisabethen-Klinikum von ihren Symptomen erzählen, verschlägt es vielen der 80 Zuhörerinnen die Sprache. Sie berichten über Phasen, in denen sie extreme Unterleibsschmerzen und zwei Wochen lang ununterbrochen Regelblutungen hatten. Über migräne-ähnliche Dauerkopfschmerzen. Über Blut im Stuhl, Blähbäuche und Momente, in denen sie fast ohnmächtig wurden. Über Jahre, in denen sie 60 Fehltage im Unterricht hatten und regelmäßig Verabredungen mit Freunden absagen mussten. Über Medikamente, die sie täglich schluckten und die kaum Linderung brachten. Und über Phasen, in denen sie sich zuhause im Homeoffice mit einer Wärmeflasche in eine Decke hüllten und verzweifelt versuchten, zu arbeiten, obwohl der ganze Körper sich sträubte.

Bis Lisa und Lea Grabarits einen Spezialisten fanden, der das Wesen, die Natur ihrer schweren Krankheit erkannte, dauerte es Jahre. Hoffnung kam auf, als die Schwestern einen Termin im zertifizierten Endometriosezentrum in Ravensburg erhielten. Seit vier Jahren wird das Zentrum von Oberarzt Dr. Philipp Guttenberg geleitet. Alle Patientinnen werden dort nach gründlicher Anamnese von Kopf bis Fuß untersucht – via Ultraschall, Darmspiegelung oder auch MRT.

Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, Endometriose medikamentös und hormonell zu bekämpfen respektive konservativ, indem Betroffene ihren Lebensstil ändern, Stress ausmerzen oder ihre Ernährung umstellen. Bei den beiden Schwestern aber waren die Gewebewucherungen bereits so weit vorgedrungen, dass ihnen nur noch die Operation blieb. Neun respektive vier Endometrioseherde spürte Dr. Guttenberg bei den Eingriffen, die er mittels Da-Vinci-Roboterassistenz vornahm, auf – etwa an Blase, Eileiter, Gebärmutter, Kreuzbein, Bauchfell oder Darm. Der Oberarzt hatte die Frauen in den Aufklärungsgesprächen vor der Operation davor gewarnt, dass ihr Darm so sehr betroffen sein könnte, dass ein Stück entfernt werden müsse. Dies wiederum hätte bedeutet, dass den Schwestern bis zur Heilung des Organs vier Monate lang ein künstlicher Darmausgang gelegt hätte werden müssen. Lisa Grabarits nahm das Drohszenario ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf: „Alles war mir lieber, als weiterhin diese Schmerzen zu ertragen.“ Lea Grabarits sagt: „Ich wünsche mir Kinder. Aber wenn die Hälfte meiner Gebärmutter entfernt werden hätte müssen, dann wäre es eben so gewesen. Wir haben diese Entscheidungen bewusst getroffen. Wir wollten, dass das Leiden ein Ende hat.“

Zumal die chronischen Schmerzen durch die Krankheit auch zu Depressionen und Ängsten führen können, wie Sabine Oehlrich berichtete, die Moderatorin des Talks und Ärzte-Symposiums. Fast jede zweite Endometriose-Betroffene leidet laut Studien an Depressionssymptomen sowie an Problemen am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft.

„Endometriose muss ganzheitlich betrachtet und auch behandelt werden“, fordert Dr. Guttenberg deshalb. „Zu unserem Therapiekatalog am EK gehören auch psychologische Hilfe, die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen oder eine postoperative Rehabilitation, wie es sie vor unserer Haustür in Bad Waldsee spezifisch für Endometriose-Patientinnen gibt.“ Der 37-Jährige, dessen Sprechstunde stark frequentiert wird – mit einer Wartezeit von knapp zehn Monaten liegt er allerdings noch immer unter dem nationalen Schnitt –, rät dazu, sich trotz der oft diffusen Symptome nicht nervös machen zu lassen. Von neuartigen Endometriose-Speicheltests, die im Internet erhältlich sind, rät er dringend ab. Grund: „Die Ergebnisse sind sehr häufig falsch, sie verunsichern die Frauen nur.“

Lisa und Lea Grabarits haben ihre Sicherheit inzwischen zurückgewonnen. Offen berichteten sie von ihrer schweren Zeit, auch, um den Leidensgenossinnen im Publikum und auf dieser Welt Mut zu machen. Die Schwestern wissen, dass ihre Krankheit eines Tages zurückkommen kann. „Aber wir wachen endlich wieder mit einem guten Gefühl auf.“ Und beide können weiterhin Kinder bekommen.

Exakt darum – den betroffenen Frauen Mut zu machen – geht es auch dem Zentrumsleiter Dr. Guttenberg. „Die Endometriose-Forschungen haben deutlich zugenommen“, erklärt der Oberarzt am Ende. „Regelmäßig kommen neue Methoden, Therapien und Medikamente auf den Markt. Im Kampf gegen die Krankheit gibt es noch viel Potenzial.“