Als Doris Heldmaier im März 2025 erfährt, dass sie Bauchspeicheldrüsenkrebs hat, ist nichts mehr, wie es einmal war. Die 65-Jährige aus Vogt stammt selbst aus der Gesundheitsbranche, 14 Jahre lang leitete sie die das Diakonische Institut für Soziale Berufe (Berufsfachschule für Pflege) in Friedrichshafen. Die Sozialpädagogin und gelernte Altenpflegerin weiß, was ihre Diagnose bedeutet: dass der Tod extrem nahe kommt. Pankreaskrebs gehört zu den schlimmsten Krebsarten, auch, weil er fast immer zu spät erkannt wird: zu vage und diffus sind die Symptome. Nur elf Prozent der Erkrankten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch, die Tendenz steigt nur leicht. Auch bei Doris Heldmaier ist der Krebs fortgeschritten, der Tumor ist bereits in die Leber und Oberbauchorgane eingewachsen.
Als sie 17 Monate später nach ihrer Operation im Ravensburger St. Elisabethen-Klinikum die Nachricht von Chefärztin Prof. Dr. Karolin Thiel erhält, sie sei tumorfrei, ist wieder nichts mehr, wie es war. Doris Heldmaier kann ihr Glück kaum greifen. „Ich bin dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen“, sagt sie. „Es fühlt sich gerade an, als hätte mir jemand ein neues Leben geschenkt. Ich bin einfach nur dankbar, und es ist ungewohnt: Ich kann jetzt langsam wieder größere Pläne schmieden für die Zukunft.“
Tage zuvor hatte Prof. Thiel erstmals am EK eine der seltensten, komplexesten, ganz sicher aber ungewöhnlichsten OP-Methoden gewählt, die es bei Pankreas- und Magentumoren gibt: die Appleby-Technik. Sie kann eingesetzt werden, wenn auch die große, lebenswichtige Oberbaucharterie befallen ist, aber nur dann, wenn die Versorgung von Leber und Magen über andere Gefäße auch funktioniert. International wird die Technik nur in wenigen, spezialisierten Häusern angewendet, in Deutschland nur in einer zweistelligen Anzahl pro Jahr an Unikliniken – nun auch im EK in Ravensburg. Die dortige Klinik für Allgemein-, Viszeral und Thoraxchirurgie hat sich unter der Chefärztin zu einem Zentrum entwickelt, das für zahlreiche Organe des Bauchraums inzwischen das höchste Zertifikat der Deutschen Krebsgesellschaft besitzt. Es besagt, dass Darm-, Pankreas-, Speiseröhre und ab November offiziell auch Magenkrebspatienten hier nach höchsten Standards behandelt werden.
Prof. Thiel, die aufgrund ihres operativen Könnens kürzlich von einem unabhängigen Auditor als „Glücksfall für Ravensburg“ bezeichnet wurde, hat in Rostock, Malaga und Berlin studiert und ihre chirurgische Ausbildung an der Uniklinik Tübingen komplettiert. Dort gehörte sie, zuletzt als Leitende Oberärztin, zu den Schülern von Prof. Dr. Alfred Königsrainer, einer weltweiten Koryphäe unter den Tumor- und Transplantationschirurgen. Der Kontakt riss nie ab. Als die Chefärztin bemerkte, dass Doris Heldmaiers Krankheitsbild prädestiniert für die Appleby-Operation ist, zögerte sie nicht, den emeritierten Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen, der einschlägige Erfahrung mit dem Eingriff hat, um Supervising und Assistenz zu bitten. Prof. Königsrainer sagte sofort zu, reiste aus seiner Heimat Südtirol an und unterstützte Prof. Thiel, die von Oberarzt Dr. Francois-Praseth Serey und Dr. Anne Nording assistiert wurde.
„Die Appleby-Operation ist ein komplexer, radikalchirurgischer Eingriff“, erklärt die Chefärztin, „sie wird nur dann angewendet, wenn Patienten einen guten Allgemeinzustand haben, der Tumor nicht gestreut, also in anderen Körperregionen Metastasen gebildet hat und wenn die Blutversorgung von Leber und Magen über Seitengefäße gesichert ist. All dies war bei Frau Heldmaier der Fall. Im ersten Schritt haben unsere Radiologen Prof. Martin Heuschmid und Dr. Stephan Heller, Chefarzt und leitender Oberarzt, zunächst vor der Operation in einem aufwändigen Verfahren nachgewiesen, dass die Leber durchblutet wird. Die Blutversorgung wurde von der zweiten großen Schlagader übernommen.“
Weil dieser Plan b), ein Phänomen des menschlichen Körpers, in der Realität entgegen aller Prognosen zuweilen doch nicht funktioniert, baute das OP-Team um Prof. Thiel einen Sicherheitscheck ein. „Um den Blutfluss nochmals zu prüfen, haben wir das Gefäß während der Operation testweise abgeklemmt und an der Leberpforte per Ultraschall den Puls der Umleitung gemessen. Erst als die Blutversorgung gesichert war, haben wir die große Arterie durchtrennt. Das Blut der Patientin fließt nun quasi rückwärts. Die betroffene Arterie wurde dann an einem Stück mit ihren Ästen, dem befallenen Pankreasteil, der Milz, und den umliegenden Lymphknoten entfernt“, erläutert die Chefärztin: „Alles lief am Ende wie geplant, und Frau Heldmaier hat gute Chancen, wieder ein normales Leben zu führen. Auch eine postoperative Chemotherapie ist nicht notwendig.“
Die nötige Chemotherapie, um den Tumor vor der Operation zu verkleinern, hatte Doris Heldmaier bereits zuvor hinter sich gebracht. „Fünfzehn Monate am Stück, fast ohne Nebenwirkungen“, sagt sie, „ab und an bin ich sogar in die Berge zum Wandern gegangen.“ Nach dem Schock der Diagnose habe sie irgendwann wieder Mut gefasst, auch durch die Unterstützung ihres Mannes und ihrer beiden Kinder. „Ich habe versucht, mein Leben weitestgehend normal weiterzuleben. Was mir sehr geholfen hat, war Jin Shin Jyutsu, eine japanische Heilkunst, bei der durch sanftes Auflegen der eigenen Hände die Lebensenergie im Körper harmonisiert wird.“
Kraft gaben ihr auch die Mediziner – etwa ihr Hausarzt Dr. Hans Bürger aus Vogt, Vorstandsmitglied der Kreisärzteschaft, der Doris Heldmaier mit den Worten „Wenn Ihnen jemand helfen kann, dann sie“ nach der CT-Diagnose an Prof. Thiel überwies. Oder Prof. Dr. Tobias Dechow, Hämatologe im Onkologischen Zentrum, der den Fall regelmäßig im interdisziplinären Tumorboard der Oberschwabenklinik einbrachte, um ihn mit den OSK-Ärzten zu diskutieren. Doris Heldmaier kann die OP-Technik fast mit den gleichen Worten erklären wie Chefärztin Prof. Thiel, sie sagt: „Die OP war meine letzte Rettung. Ich wusste, ich hatte nur diese eine Chance. Ohne die Operation wären mir noch sechs Monate geblieben, die Alternative wäre eine palliative Chemotherapie gewesen.“ Nun kann sie darauf hoffen, dass ihr noch viele Jahre bleiben. Es gibt Menschen, die auch 20 Jahre nach einer Pankreaskrebsoperation noch leben.
Doris Heldmaier ist stolz auf die Gesundheitseinrichtungen in der Region. Sie haben nicht nur ihr Berufsleben geprägt, sie haben auch ihr Leben gerettet. „Dass wir in Ravensburg eine derart hochklassige medizinische Versorgung haben, darauf kann unser Landkreis wirklich stolz sein. Er hat mit dieser Klinik etwas Großes geschaffen, und ich bin dankbar dafür, dass meine Behandlung hier stattfinden konnte. Nicht anonym viele Stunden entfernt, sondern wohnortnah, in der Nähe von Familie und Freunden, die immer bei mir waren. Dass ich hier versorgt wurde und eben nicht nach Heidelberg, Tübingen oder München fahren musste, auch das hat am Ende zu meiner Heilung beigetragen.“
Täglich sah sie bekannte Gesichter in Ravensburg. Schon vor der Operation traf sie einige frühere Pflegeschüler in den Gängen, die ihre Lehrerin sofort wiedererkannten und ihr Mut zusprachen. „Die waren so herzlich, das hat mich riesig gefreut“, sagt Doris Heldmaier. „Und es zeigt auch, dass ich als Lehrerin so viel nicht falsch gemacht haben kann.“


