Die Ausbildungsbereitschaft der regionalen Wirtschaft bleibt hoch: 67 Prozent der von der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) befragten Betriebe wollen ihr Ausbildungsangebot halten oder sogar ausbauen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge kurz vor Ausbildungsstart am 1. September 2026 um 10 Prozent. Hauptproblem bleibt, geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu finden. Zugleich gibt es Anzeichen dafür, dass die wirtschaftlichen Unsicherheiten inzwischen auch auf den Ausbildungsmarkt durchschlagen.
„Von einer nachlassenden Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen können wir nicht sprechen. Im Gegenteil: 67 Prozent der von uns befragten Betriebe wollen ihr Ausbildungsangebot halten oder sogar ausbauen. Das Problem ist zunehmend, geeignete junge Menschen für die vorhandenen Ausbildungsplätze zu finden“, sagt Dr. Sönke Voss, Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Oberschwaben. „Gleichzeitig spüren auch unsere Unternehmen die wirtschaftliche Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, die duale Ausbildung als zentralen Weg in die Fachkräftesicherung zu stärken.“
Geeignete Bewerber fehlen
Zum 30. Juni dieses Jahres verzeichnete die IHK noch einen Rückgang der neu eingetragenen Ausbildungsverträge von 2,8 Prozent. Ende Juli waren es 6 Prozent und Ende August nun 10 Prozent. Eine Entwicklung in dieser Dynamik war in der Region Bodensee-Oberschwaben nicht erwartet worden.
Die Ergebnisse einer aktuellen IHK-Online-Umfrage zeigen den zentralen Engpass: 61 Prozent der befragten Betriebe sehen sich nicht in der Lage, ihr Ausbildungsplatzangebot vollständig zu besetzen, weil geeignete Bewerberinnen und Bewerber fehlen. Besonders häufig nennen die Unternehmen mangelnde Belastbarkeit und fehlende Leistungsbereitschaft.
Auch die hohe Auslastung ausbildungsvorbereitender Angebote wie AV-Dual passt in dieses Bild. Sie zeigt, dass ein Teil der Jugendlichen zunächst weitere Unterstützung und Vorbereitung benötigt, bevor der direkte Einstieg in eine duale Ausbildung gelingt.
„Wir müssen bei der Ausbildungsreife deutlich früher ansetzen. Schulen, Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam dafür sorgen, dass junge Menschen die notwendigen Grundlagen und realistische Vorstellungen von der Arbeitswelt mitbringen, wenn sie sich für eine Ausbildung entscheiden“, so Voss. „Gleichzeitig dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass junge Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Unternehmen leisten hier bereits viel und übernehmen Verantwortung, indem sie auch Jugendlichen eine Chance geben, die zunächst zusätzliche Unterstützung benötigen.“
Wirtschaftliche Unsicherheit erreicht Ausbildungsmarkt
Der Rückgang bei den neu eingetragenen Ausbildungsverträgen fällt in eine Phase, in der die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch für die Unternehmen in der Region herausfordernd bleiben. Während die Ausbildungszahlen in der Region Bodensee-Oberschwaben bislang vergleichsweise stabil waren, gibt es nun Anzeichen dafür, dass die konjunkturelle Unsicherheit zunehmend auch bei der Ausbildungsplanung eine Rolle spielt. „Die duale Ausbildung ist eine Investition in die Zukunft – für die jungen Menschen ebenso wie für die Betriebe. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es wichtig, diese Investition nicht aus dem Blick zu verlieren“, betont Voss. „Wo es wirtschaftlich möglich ist, sollten Unternehmen weiterhin ausbilden. Denn der Fachkräftebedarf wird nicht verschwinden, nur weil die Konjunktur derzeit schwächelt.“
Technische und kaufmännische Berufe rückläufig
Bei den technischen Berufen verzeichnet die IHK einen Rückgang von 7,8 Prozent bei den neu eingetragenen Ausbildungsverträgen. Maßgeblich dafür sind insbesondere die industriellen Metallberufe: Hier wurden 451 neue Ausbildungsverträge registriert, gegenüber 512 im Vorjahr. Das entspricht einem Rückgang von 11,9 Prozent.
Noch deutlicher ist die Entwicklung bei den kaufmännischen Berufen. Hier liegt der Rückgang bei 16,5 Prozent. Bei den Industriekaufleuten wurden 140 statt 176 Ausbildungsverträge registriert (minus 25,7 Prozent), im Einzelhandel 240 statt 281 (minus 17 Prozent) und bei den Banken 89 statt 107 (minus 16,8 Prozent).
Positive Entwicklung ei den HOGA-Berufen
Ein positives Gegenbild zeigt sich weiterhin bei den Hotel- und Gaststättenberufen. Ende August wurden in der Region Bodensee-Oberschwaben mit den drei Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis 271 neue Ausbildungsverträge registriert. Das sind 11,5 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres mit 243 Verträgen.
Der Beruf Koch/Köchin steigerte sich von 60 auf 66 Verträge (plus 10 Prozent), bei den Hotelfachleuten gab es einen Anstieg von 59 auf 62 Verträge (plus 5,1 Prozent). Auch die Berufe mit kleineren Vertragszahlen legten zu: Bei den Restaurantfachleuten stieg die Zahl von 21 auf 29, bei den Fachleuten für Systemgastronomie von 20 auf 35. Der zweijährige Ausbildungsberuf Fachkraft Küche steigerte sich von 16 auf 21 Verträge (plus 31,3 Prozent).
Ausbildung mit internationalen Bewerbern als Chance
Neben der Gewinnung eigener Nachwuchskräfte sehen die Unternehmen auch Potenzial in der Ausbildung von Menschen aus dem Ausland. Mehr als jeder zweite Betrieb (56,2 Prozent) betrachtet Auszubildende aus Drittstaaten als Chance für die eigene Fachkräftesicherung. Das betrifft sowohl Geflüchtete als auch Zuwanderer, die zum Zweck der Ausbildung nach Deutschland gekommen sind. 40 Prozent der Unternehmen haben bereits versucht, Bewerberinnen und Bewerber aus Drittstaaten auszubilden. Als größte Herausforderungen bei der Anwerbung und Ausbildung von Zuwanderern aus Drittstaaten nennen mittlerweile rund die Hälfte der Betriebe (50 Prozent) mangelnde Deutschkenntnisse sowie fehlenden bezahlbaren Wohnraum in Betriebsnähe (25 Prozent).
Noch sind Ausbildungsplätze frei
Trotz des bevorstehenden Ausbildungsstarts gibt es weiterhin offene Ausbildungsstellen in der Region Bodensee-Oberschwaben. Gleichzeitig erreichen die IHK nach wie vor Meldungen von Betrieben, die erstmals ausbilden möchten oder noch in diesem Jahr mit der Ausbildung starten wollen. „Für junge Menschen bleibt die duale Ausbildung eine hervorragende Perspektive für den Berufseinstieg. Wer noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, sollte deshalb nicht aufgeben“, sagt Voss. „Auch für Unternehmen lohnt es sich, bei der Suche nach passenden Bewerberinnen und Bewerbern weiter am Ball zu bleiben.“
Praktika als Türöffner für Ausbildung
Um jungen Menschen die Berufsorientierung zu erleichtern und Unternehmen mit potenziellen Nachwuchskräften zusammenzubringen, unterstützen die IHKs die Praktikumswochen Baden-Württemberg. Vom 12. Oktober bis 6. November 2026 können Schülerinnen und Schüler dabei verschiedene Unternehmen und Berufsfelder kennenlernen. Das Prinzip: fünf Tage, fünf Unternehmen und damit fünf konkrete Einblicke in die Arbeitswelt. Unternehmen können ihre Praktikumsangebote über die Plattform einstellen. Schülerinnen und Schüler können sich für die Berufsfelder und Tage entscheiden, die sie interessieren. Die Teilnahme ist für Unternehmen und Jugendliche kostenfrei.
Die IHK ruft Unternehmen dazu auf, diese Möglichkeit zu nutzen und Praktikumsplätze anzubieten. Denn gerade der direkte Einblick in einen Beruf und in einen Betrieb kann ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Ausbildungsplatz sein.
Hintergrund
Die Angaben zu den neu eingetragenen Ausbildungsverhältnissen beziehen sich auf die Statistik der IHK Bodensee-Oberschwaben für die Region mit den Landkreisen Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen. Die genannten Zahlen entsprechen dem Stand Ende August 2026 und werden mit dem jeweiligen Vorjahreszeitraum verglichen. Die IHK-Online-Umfrage zum Ausbildungsjahr 2025 wurde vom 11. bis 29. Mai 2026 durchgeführt. Insgesamt haben 14.058 Teilnehmer das Umfrage-Formular ausgefüllt, darunter 91 aus der Region Bodensee-Oberschwaben.

