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Sanierung des Rathauses legt so manches Rätsel offen

Der Dachstuhl des Ravensburger Rathaus ist derzeit eine wichtige Baustelle. Bild: F.Enderle

Das Rathaus gehört zu den mächtigsten Gebäuden der historischen Altstadt von Ravensburg. Derzeit wird es unter anderem aus Brandschutzgründen umfangreich saniert, dabei wurden im Dachstuhl und an der Fassade nicht nur dringend zu lösende Mängel entdeckt, sondern auch so manche Ungereimtheit aus der Zeit der Erbauung im Jahr 1378.

Die Bauarbeiten im Rathaus kommen gut voran, auch wenn das abgehängte Gerüst und Bauzäune das der Öffentlichkeit nicht immer preisgeben können. Die Stadt Ravensburg hat durch das Amt für Architektur und Gebäudemanagement daher Pressevertreter am heutigen Mittwoch (20. August) zu einer exklusiven Baubesichtigung geladen.

Annerose Mailand erklärt die Ausbesserungsarbeiten an den Dachbalken. Bild: F.Enderle

Schon bei der ersten Station, dem Dachstuhl des spätmittelalterlichen Bauwerks, zeigen sich die ersten Herausforderungen. Der mächtige Dachstuhl birgt auf den ersten Blick solide Handwerkskunst, der Zahn der Zeit nagte aber an so manchem Gebälk.Bei der Erkundung der konkreten Mängel und der nach strengen Denkmalschutz Aspekten zu planenden Sanierungsarbeiten fielen den verantwortlichen Architekten ungewöhnliche Details auf.

Offenbar gab es einst bei der Errichtung des Dachstuhls keinen einheitlichen Bau- und Ablaufplan errichtet wurde. So wurden sogenannte Abbundzeichen an Balken gefunden, die das bestätigen. Normalerweise kennzeichnen Zimmerleute die Balken nach einem System.

Bild: F.Enderle

Da die Schriftzeichen aber nicht zueinander passen, ist davon auszugehen, dass mehrere verschiedene Zimmerleute für den Bau beauftragt wurden. Bau-Historiker glauben, dass das für eine eher eilige Bauweise spricht. Selbst für diese Zeit war das aber höchst ungewöhnlich. „Offenbar gab es im Laufe der Jahrhunderte auch schon einige Reparatur- und Sanierungsarbeiten“, ergänzte Annerose Maiwald vom städtischen Amt für Architektur- und Gebäudemanagement bei der Vor-Ort Besichtigung.

Der Umfang der Sanierungsarbeiten an den Dachbalken ist völlig unterschiedlich. Mal sind es nur kleine Abschnitte von einem halben Meter, teils aber auch über mehrere Meter Länge. Die beauftragten Bauarbeiter lassen bei den Arbeiten hohe Sorgfalt walten, denn zum einen müssen die statischen Belange im Auge behalten werden, zum anderen befindet sich unter ihnen im halboffenen Zustand eine wertvolle Stuckdecke aus den 1930er Jahren. Bis zum Herbst sollen die Arbeiten am Dachstuhl fertig sein, neue Dachziegel erhält das Rathaus dann im nächsten Frühjahr.

Restaurator Patrick Jürgens erklärt die Fassadenschichten und die offengelegte Bemalung. Oben rechts sehen Sie die falsch ausgerichteten Stufen-Giebel. Bild: F.Enderle

Einen weiteren Teil der Sanierungsarbeiten nimmt die Fassade ein, derzeit wird der Außenputz zurückgebaut. Bei den Erprobungen des Putzes wurde erkannt, dass in der bewegten Geschichte des Gebäudes mehrere Lagen von Putz aufgebracht wurden. Diese haben sich an einigen Stellen nicht vollständig gebunden, was zu Rissbildungen und Algenbewuchs führte. An der Fassade war dies durch die schäbig wirkenden, schwarzen Schlieren sichtbar. Zuletzt wurde die Putzschicht einer Sanierung aus dem Jahr 1930 Uhr freigelegt, teils aber auch aus der Errichtung. Auf der Ostseite zur Rathausgasse hin, fanden sich bei der Freilegung die Reste einer Ranken-Bemalung, die wohl rund um die Fensteröffnungen angebracht wurden. Die Bedeutung für den Denkmalschutz ist allerdings gering.

Bei der Ursachenforschung nach den Mängeln der Fassade wurde das Problem schnell erkannt, es mündet allerdings in einem Rätsel. Stufengiebel an spätmittelalterlichen Gebäuden (z.B. Lederhaus oder Waaghaus) wurden baulich stets so abgeschrägt, dass das Regenwasser über die Ziegelwannen auf das Dach und die dortigen Regenrinnen abgeleitet wurde. Beim Rathaus sind die Giebel allerdings so gedreht, dass das Wasser nach außen abspritzt und damit unweigerlich auch die eigene Fassade trifft. Wie es zu diesem baulichen Denkfehler kommen konnte, darüber rätselt Annerose Maiwald selbst. „Es ist das einzige Gebäude, das diesen Umstand aufweist, auch aus anderen Städten wäre uns dies nicht bekannt.“

Auch wenn es bei diesem Baumangel um eine historische Besonderheit handelt, gab die Landes-Denkmalschutzbehörde grünes Licht für eine Änderung. Die Stufengiebel werden nun um 180 Grad gedreht, mit deutlich sichtbaren Folgen.

„Das Rathaus wird gotischer wirken und ist dann rund einen halben Meter höher.”

Dietmar Diehm vom Amt für Architektur und Gebäudemanagement.

Bis zum Frühjahr 2021 sollen die Arbeiten am Dach und an der Fassade abgeschlossen werden, rund 1,8 Millionen Euro an Kosten werden dann verbaut sein. Ob es Corona bedingt oder durch die Verzögerung aufgrund Erkundung der historischen Bemalungsreste zu einer Überschreitung der veranschlagten Kosten kommt, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden. „Wir haben noch nicht alle Aufträge vergeben, erst dann können wir uns ein exaktes Bild machen“, erklärt Annerose Maiwald und ergänzt: „Wichtig ist vor allem, dass wir nach der Sanierung wieder 20 bis 30 Jahre Ruhe haben.