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Die Neuordnung der Welt aktiv mitgestalten

Sprachen beim IHK-Frühjahrsempfang in Weingarten über aktuelle Wirtschaftsthemen (von links): IHK-Präsident Dr. Jan Stefan Roell (Ulm), Anke Traber (Agentur für Arbeit Konstanz Ravensburg), Bundestagsmitglied Axel Müller, IHK-Präsident Martin Buck (Bodensee-Oberschwaben), Dr. Jörg Stratmann (Rolls-Royce Power Systems AG), IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Engstler-Karrasch (Ulm), Dr. Konstantinos Tsetsos (Metis Institut), Bundestagsmitglied Agnieszka Brugger und IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Sönke Voss (Bodensee-Oberschwaben). Bild: IHK / Armin Buhl

Mehr als 400 Gäste aus der Region zwischen Alb und Bodensee kamen am vergangenen Dienstag zum Frühjahrsempfang der Industrie- und Handelskammern Bodensee-Oberschwaben und Ulm in das Kultur- und Kongresszentrum Weingarten. Festredner Dr. Jörg Stratmann, Vorstandsvorsitzender der Rolls-Royce Power Systems AG, sprach über das Thema „Zwischen Weltpolitik und Wertschöpfung: Regionale Wirtschaft im Umbruch“. Mit musikalischen Zwischenspielen begeisterte das Allgäu-Jazz-Quintett.

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Die Gästeliste war lang: Aus der ganzen Region waren Vertreter aus Wirtschaft und Politik, Bildung und Wissenschaft, der Landkreise, Städte und Kommunen, der Justiz, Behörden, Verbände sowie Kirchen und Kammern zum Frühjahrsempfang nach Weingarten gekommen. „Wir alle kennen und analysieren die Probleme in unserem Land genau“, sagte Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben, in seiner Begrüßung. Seit Jahren werde über dieselben Themen geredet und trotzdem verändere sich wenig. Investitionen würden längst nicht mehr selbstverständlich hierzulande entstehen, Wertschöpfung wachse zunehmend außerhalb Deutschlands und andere Standorte würden immer schneller und entschlossener aktiv. „Wir sehen heute die Folgen nicht getroffener Entscheidungen“, kritisierte der IHK-Präsident. Es habe zwar viele Entscheidungen gegeben – im Gegenzug aber auch zu viele Gesetze und Regelungen, die versuchten, über Verbote, Dokumentationspflichten oder Haftungsregelungen und vorbei an der Marktwirtschaft Probleme zu lösen. Die Frage sei jetzt allerdings nicht mehr, ob sich etwas verändere, sondern wer diese Veränderung wann gestalte. Als Positivbeispiele für schnelles Handeln nannte Buck die Bereiche Sicherheit und Verteidigung, in denen Unternehmen sich längst um Milliardenaufträge bewerben und auf eigenes Risiko in Vorleistung gehen. Oder auch die IHK-Koordinierungsstelle „Gesamtverteidigung“, in der bereits Netzwerke zu Themen wie Unternehmenssicherheit und Resilienz, Lieferketten, Forschung und Entwicklung und anderen Themen aufgebaut wurden. Buck: „Genau das ist das Tempo, das Deutschland braucht.“ Dringend gebraucht werde aber auch ein neuer Geist in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: „Der gemeinsame Wille, Wirtschaft wieder stark zu machen und damit dieses Land nach vorne zu bringen – nicht jeder für sich, sondern gemeinsam.“

Zwischen Weltpolitik und Wertschöpfung
Die Grundlagen wirtschaftlichen Handelns verändern sich derzeit unabänderlich. „Wir erleben eine Hyperunsicherheit und eine Neuordnung der Welt“, sagte Dr. Jörg Stratmann, Vorstandsvorsitzender der Rolls-Royce Power Systems AG, in seiner Keynote. Die Welthandelsorganisation WTO spreche von der größten Störung der internationalen Handelsordnung seit 80 Jahren. In mehr als 200 Handelsgruppen sei Deutschland von anderen Ländern abhängig, insbesondere von Rohstoffen. Doch die Spielregeln veränderten sich, so Stratmann. Der Welthandel sei nicht verschwunden, aber er sei politischer, komplizierter und unsicherer geworden. „Wirtschaft und Geopolitik lassen sich nicht mehr voneinander trennen“, so Stratmann. Geopolitik werde zur Wirtschaftslogik und die Sicherheitspolitik zum Standortfaktor. Sicherheit sei kein Randthema mehr, sondern Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung.

Unternehmen seien heute gezwungen, mehrere Veränderungen parallel zu bewältigen und Entscheidungen unter einem hohen geopolitischen Druck zu treffen, so Stratmann weiter. Sie sollten sich die zwei Fragen stellen, wie erfolgreiche Transformation in einer Welt gelingen könne, die komplexer, volatiler und anspruchsvoller geworden ist, und wie Wachstum in einer Zeit möglich sei, in der sich ethische, wirtschaftliche und geopolitische Rahmenbedingungen gleichzeitig verändern. Wachstum in den Märkten entstehe nicht automatisch, sondern beginne mit dem Verständnis, in welcher Welt mit ihren geopolitischen Veränderungen wir leben, so Stratmann. Unternehmen dürften nicht mehr nur fragen, wo sie ihre Produkte verkaufen können, sondern wo sie mit ihren Produkten einen wirklichen Beitrag leisten können. Es gelte, geopolitische Trends zu erkennen und herauszufinden, wo Fähigkeiten, Know-how und Produkte eines Unternehmens benötigt werden. Dann sei Wachstum möglich. „Wir haben hier in der Region alles, was wir brauchen – auch die richtigen Menschen“, sagte Stratmann und verwies auf Leistungsfähigkeit, Ingenieurskunst, Bodenständigkeit und hohe Arbeitsqualität. Deutschland und Europa hätten weiterhin beste Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein und zu wachsen, so seine Einschätzung. Voraussetzung dafür sei die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Veränderungen zu erkennen und anzunehmen sowie die Zukunft aktiv mitzugestalten. Sein Appell: Es sei an der Zeit, nicht nur die alte Ordnung zu verwalten, sondern die neue aktiv und gemeinsam zu gestalten.

Podiumsdiskussion
Um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen ging es in der anschließenden Podiumsdiskussion. Moderator Dr. Konstantinos Tsetsos, Head of Strategic Foresight am Metis Institut, unterstrich dabei, wie wichtig es sei, nicht nur zu reagieren, sondern Entwicklungen früh zu verstehen, Handlungsoptionen zu erkennen und Handlungsfähigkeit zu bewahren. Wichtig sei es, die Gesellschaft mitzunehmen – „wir sitzen alle in einem Boot.“ Für die Wirtschaft gehe es darum, Veränderungen zu akzeptieren und zu beachten, neue Märkte zu suchen und sich an Zielkunden anzunähern, gab Stratmann zu bedenken. Fachkräftesicherung bleibe ein Zukunftsthema, sagte Anke Traber, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg. Angebot und Nachfrage würden nicht immer zueinander passen. Mit den meisten offenen Stellen seien hohe Qualitätsanforderungen verbunden. Qualifizierung und Weiterbildung seien daher unabdingbar. Um das große Potenzial gut ausgebildeter Frauen zu erschließen, sollten neben Kinderbetreuung und Familienfreundlichkeit auch steuerliche Anreize geschaffen werden. „Es liegt aber nicht nur an der Politik, es liegt auch an uns Frauen“, sagte sie und appellierte mehr Netzwerke zu nutzen, Rechte einzufordern und sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich zu engagieren. Die Politik hätte in vielen Bereichen früher reagieren müssen, räumte Agnieszka Brugger, Mitglied des Deutschen Bundestags und Verteidigungsausschusses, ein – vor allem, was Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Bundeswehr betreffe. Der Bundestagsabgeordnete Axel Müller gab zu bedenken, dass der Erwartungsdruck an die Politik groß, die Herausforderungen immens seien. Es wäre unehrlich zu behaupten, dass alles schnell gelöst werden könne. Demokratie erfordere die Einhaltung festgelegter Gepflogenheiten und Abläufe – was in einem Föderalstaat wie Deutschland auch Zeit erfordere.

Grund für Optimismus
Dr. Jan Stefan Roell, Präsident der IHK Ulm, schlüpfte abschließend „in die Rolle von Cem Özdemir und Manuel Hagel in einer Person“. „Wir können optimistisch in unserem Land sein“, sagte er und lobte den wirtschaftsfreundlichen Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung. Der sehr gute, umfangreiche und präzise Koalitionsvertrag mache Mut für Reformen und für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen – „damit wir auch erwirtschaften können, was wir für den Sozialstaat brauchen“. In dem neuen Koalitionsvertrag steckten viele gute Ideen, so der IHK-Präsident weiter. Beispielhaft verwies er auf das geplante Effizienzgesetz, durch das unter anderem Berichtspflichten bis Ende 2027 entfallen sollen, und auf die geplante Anwendung der Mittel der Legalplanung zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Jetzt sei es an der Wirtschaft, die Landesregierung zu unterstützen und die geplanten Reformen positiv aufzunehmen. Dr. Roell appellierte in diesem Zusammenhang an alle Unternehmer, Landtagsabgeordnete in ihre Betriebe einzuladen – nicht zu einer Show-Veranstaltung, sondern um Betriebsalltag, -abläufe und -erfordernisse zu erklären. Die IHK vertrete die gesamte Wirtschaft. „Wir haben jetzt aber eine große Chance“, so Dr. Roell weiter. „Es braucht unseren Zusammenhalt, damit die Reformen auch durchgesetzt werden können.“