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Der Pflegeberuf verbindet Generationen 

60 Jahre liegen dazwischen. Die sechs rüstigen älteren Damen haben am 1. April 1959 ihre Ausbildung zur Krankenschwestern am EK begonnen. Die Jugendlichen in ihrer weißen Berufskleidung wiederum sind gerade ein halbes Jahr dabei. Die Älteren finden von ihrem „alten“ EK nichts mehr wieder, das die ans neue Klinikum gewöhnten Jungen gar nie kennen gelernt haben. Das Klinikum, die Ausbildung, die Lebensumstände – alles hat sich über die Generationen hinweg geändert. Nur der Beruf ist der gleiche geblieben. Er verbindet Alt und Jung.

Zwölf „freie“ Schwesternschülerinnen und zwei ehrwürdige Schwestern den Franziskanerinnen von Reute trafen sich in dem Ausbildungskurs, der am 1.  April 1959 im St. Elisabethenkrankenhaus begann. 18 bis 28 Jahre waren die Schülerinnen alt. Geschlafen wurde nicht etwa zu Hause, sondern im Untergeschoss des EK in Drei- und Vierbettzimmern. Das schweißt zusammen. „Wir waren eine verschworene Gemeinschaft“, erzählt die Ravensburgerin Agnes Häbe.

Bei ihr laufen seit Jahrzehnten die Drähte zwischen den Teilnehmerinnen des Kurses 1959 zusammen. Die Verbindung ist nie abgerissen. Anfangs gab es jährliche Treffen. Nun alle zehn Jahre. Zum 60-Jährigen ist es wieder so weit gewesen. Sechs der einstigen Schülerinnen haben sich es im St. Elisabethen-Klinikum  getroffen. Bis aus Nordrhein-Westfalen sind sie angereist.

Für die meisten von ihnen ist es die erste Begegnung mit dem neuen EK, durch das sie OSK-Geschäftsführer Dr. Sebastian Wolf und Pressesprecher Winfried Leiprecht führen. Von ihrem alten Krankenhaus, das ihnen Ausbildungsstätte und ein Stück weit auch Heimat war, ist nichts mehr übrig. Außer den Baumtorsos der Allee zum  früheren Südeingang. „Akazien sind es“, präzisiert die Franziskanerin Schwester Olafa. Wo genau stand der erste Anbau, das in den 30er-Jahren im Bauhausstil errichtete weiße Gebäude? An welcher Stelle war später der Haupteingang? Wo stand der EK-Bauernhof? Suchend schweifen die Augen über einen fremd gewordenen EK-Campus.

Die einstigen Schülerinnen haben das alte EK noch genau vor Augen. Genauso wie die Menschen, die darin gearbeitet haben. Etwa die Chefärzte: den Chirurgen Dr. Ludolf, den Internisten, Dr. Huber, den Neurologen Dr. Rommelspacher. Persönlichkeiten, an die auch nach sehr langer Zeit die Erinnerung lebendig ist. Gynäkologie und HNO waren durch Belegärzte vertreten. Es gab noch nicht die Vielzahl an Fächern und Zentren wie heute, stellen die Seniorinnen mit Blick auf die Tafeln vor dem EK fest. Das Krankenhaus war überschaubarer.

Auch was die anderen Bereiche betrifft. Chefin des Hauses war Oberin Schwester Jutta. „Männer in der Verwaltung gab es keine“, erzählt Agnes Häbe. Schwester Koska und einige Mitschwestern kümmerten sich um die Finanzen. An Männern in der Belegschaft gab es einen handwerklichen „Alleskönner“ für Heizung, Sanitär und Strom sowie „zwei alte Hausknechte“.

Die Schülerinnen unterlagen einem strengen Regiment. Einen Sonntag im Monat und einen Nachmittag in der Woche gab es frei. Die Auszubildenden von heute werden es mit Staunen vernehmen. Um 21 Uhr mussten die Schülerinnen in der Unterkunft sein, das wurde kontrolliert. Vollverpflegung wurde im Hause geboten, dazu gab es 15 und später 20 Mark Taschengeld. Nicht gerade üppig gemessen daran, dass allein der Friseur 5,20 Mark gekostet hat, erinnert sich Agnes Häbe.

„Sittsam“ hatte die Kleidung zu sein. Der Rock musste bis auf 30 Zentimeter an den Boden heranreichen. Das wurde nachgemessen. Strümpfe waren Pflicht, an ein ärmelloses Kleid nicht zu denken. Sittsam hatte auch für die „freien“ Schwestern der Lebenswandel zu sein. Wer sich auf eine Liaison mit einem jungen Ravensburger einließ, musste damit rechnen, die Ausbildung abbrechen zu müssen. Aus ganz pragmatischem Grund: Eine baldige Heirat und Kinder wurden erwartet, was die Investition in eine Ausbildung als überflüssig erscheinen ließ. Heute undenkbar.

Es war eine andere, in vieler Hinsicht mühevollere Zeit. Aber doch auch eine erfüllte. „Ich würde heute wieder Krankenschwester werden“, versichert Agnes Häbe. Ihre einstigen Kurskolleginnen pflichten ihr bei Auch dass heutzutage alles und jedes dokumentiert werden muss, würde sie nicht abschrecken.

Gut finden die Seniorinnen die OSK-Kampagne „Saustark. Unsere Pflege.“ Wenn gewünscht und wenn es hilft, stehen sie für ein Bild zur Verfügung, hatten sie vor dem Besuch angekündigt. Gesagt, getan. Die Schülerinnen von 1959 hatten an dem gemeinsamen Termin mindestens genauso viel Spaß wie ihre Nachfolgerinnen des Jahres 2019.

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