Rund 100 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Behörden, Verwaltung, Bundeswehr und Blaulichtfamilie kamen beim ersten Sicherheitskongress Baden-Württemberg in Bad Waldsee zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Perspektiven für die Sicherheits- und Krisenvorsorge zu entwickeln.
Sicherheitspolitische Spannungen, hybride Bedrohungen und die wachsende Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen verändern die Anforderungen an Wirtschaft, Staat, Militär und Einsatzkräfte grundlegend. Die Rolle von Unternehmen gewinnt eine neue, strategische Dimension. Mit dem ersten Sicherheitskongress Baden-Württemberg in Bad Waldsee haben die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) und die bei ihr angesiedelte Koordinierungsstelle Gesamtverteidigung Baden-Württemberg ein Veranstaltungsformat ins Leben gerufen, das die Wirtschaft strukturiert in den Resilienzdiskurs einbindet. Getragen von industriellen Schlüsselakteuren, staatlichen Stellen und Blaulichtorganisationen bot der Kongress eine Plattform für Vernetzung, Wissenstransfer und Zusammenarbeit. Fachvorträge lieferten dabei wertvolle Impulse aus Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Bevölkerungsschutz. Moderiert wurde der Kongress von Tim Bartsch, Referatsleiter Security & Defense bei der Koordinierungsstelle Gesamtverteidigung der IHK Bodensee-Oberschwaben.
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Sönke Voss wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass der richtige Mix aus Innovationskraft, Transformationsfähigkeit und Resilienz ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der veränderten Welt- und Wirtschaftsordnung sei. Die an die Kongressteilnehmer gestellte interaktive Einstiegsfrage lautete daher auch: Was sind die größten ungelösten Sicherheitslücken in Ihrem Unternehmen?
Major Knut Kessler, Stellvertretender Leiter Kreisverbindungskommando Ravensburg, Landeskommando Baden-Württemberg, unterstrich die Dringlichkeit eines funktionierenden Zusammenwirkens von Militär und Wirtschaft. Er informierte über aktuelle Bedrohungslagen, beispielsweise durch Extremismus, Cyberangriffe, Sabotage oder Spionage, und stellte die Grundzüge des Operationsplans Deutschland vor – eines militärischen Plans, der auch viele Elemente zivil-militärischer Zusammenarbeit beinhalte. „Wir sind aktuell in einem Zustand, der nicht mehr ganz Frieden, aber noch nicht ganz Krieg ist“, sagte Kessler und mahnte eine gemeinsame Krisen- und Notfallplanung an. Die Wirtschaft sei Schnittstelle zwischen militärischer Verteidigung und zivilem Katastrophenschutz. Sie sichere kritische Infrastrukturen, liefere logistische Kapazitäten und erhalte die Versorgung aufrecht. „Bereiten Sie sich vor, damit, wenn erforderlich, eine angemessene Reaktion erfolgen kann“, so sein Appell.
Über das Thema Energie-Resilienz bei der EnBW sprach Professor Dr. Karoly Santa, Konzernexperte Business Resilience Management. Resilienz sei heute ein Top-Thema. Sie entscheide aber nicht darüber, ob Krisen entstehen, sondern ob Unternehmen trotz Krisen handlungsfähig blieben. Die Bedrohungen nähmen zu, sagte er mit Blick auf Klimawandel, Cyberangriffe und geopolitische Risiken. Resilienz entscheide darüber, ob Risiken frühzeitig erkannt, Störungen beherrscht und die Versorgung schnell wiederhergestellt würden. „Versorgungssicherheit und Resilienz sind heute nicht mehr nur eine technische Aufgabe. Sie sind gemeinsame Aufgaben von Wirtschaft, Behörden, Bundeswehr und Einsatzkräften“, so Professor Santa. Dies bestätigte Matthias Hense, Konzernexperte Krisen- & Notfallmanagement bei der Netze BW GmbH. Er stellte Mittel der Krisen- und Notfallprävention vor, darunter Rufbereitschaften in der Fläche, mobile Leitstellen oder Notfallkommunikation, Räumlichkeiten für Krisenstäbe und Krisenausstattung. Eine schnelle Entscheidungsfindung sei im Ernstfall unerlässlich, so Hense. Neben Bevölkerungsschutz, Zivilschutz und Behörden seien auch die Medien wichtiger Schnittstellenpartner.
Sascha Teifke, Head of Physical & Personnel Security / Crisis Management bei der ZF Friedrichshafen und Mitglied des Vorstandes des Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft Baden-Württemberg e. V. (VSW), informierte über den bereits bestehenden Sicherheitsstammtisch Bodensee. Der Stammtisch mit Sicherheitsverantwortlichen von Unternehmen, Behördenvertretern mit Sicherheitsaufgaben sowie Vertretern der IHK und des VSW, diene als Instrument zur vertrauensvollen Vernetzung, denn: „Vernetzung ist Prävention“. Aus einem Netzwerk werde ein Sicherheitsnetz, so Teifke.
Abschließend sprach Oliver Surbeck, Kreisbrandmeister und Leiter der Stabstelle Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement im Landkreis Ravensburg, über das wichtige Zusammenspiel von Unternehmen, Kommunen, Hilfsorganisationen, Verwaltung und Gesellschaft in herausfordernden Zeiten. „Resilienz ist Teamarbeit. Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen“, so Surbeck. Gegenseitiges Vertrauen sei dafür Voraussetzung. Im Zusammenspiel zwischen Mensch, Organisation und Technik dürfe nicht vergessen werden, dass die Technik nur unterstützen könne, die Menschen aber die Entscheidungen treffen. Daher sei es wichtig, Prioritäten zu setzen und festzulegen, wer genau wann genau zuständig sei.
In seinem Schlusswort hob Landrat Harald Sievers nochmals die Kernbotschaft des Sicherheitskongresses hervor, wonach Resilienz eine Gemeinschaftsaufgabe sei. Nur im engen Schulterschluss von Unternehmen, Verwaltung, Politik, Militär, staatlichen Stellen und Einsatzkräften lasse sich die Widerstandsfähigkeit nachhaltig sichern und stärken.
Publikum aktiv mit eingebunden
Das Publikum war in die Veranstaltung aktiv mit eingebunden: Fragen der Teilnehmenden an die einzelnen Referenten wurden im Rahmen einer Podiumsdiskussion aufgegriffen und von den Experten direkt beantwortet.
Abschließend wurden in interaktiven Tisch-Workshops die aus den Vorträgen erhaltenen Impulse diskutiert und vertieft. Die Teilnehmer tauschten Informationen und Erfahrungen aus der Praxis aus, beantworteten Fragen und suchten gemeinsam mit den Referenten mögliche Lösungsansätze. Ein Diskussionsthema war beispielsweise die Gratwanderung zwischen den höheren Kosten resilienterer Lieferketten und den Vorteilen beim Auftreten von Krisen oder Lieferengpässen. Zudem wurde deutlich, dass in bestimmten Bereichen eine sehr hohe Abhängigkeit von Lieferanten in Drittstaaten besteht und es in Europa weder Rohstoffförderung noch Produktionen für bestimmte Produkte gibt.


