Der Browser war schon auf dem Computer. Das Handy schlägt vor, wo Fotos gespeichert werden. Die Suchmaschine ist voreingestellt. Und inzwischen taucht in immer mehr Anwendungen Künstliche Intelligenz auf. Solange alles funktioniert, ist das bequem. Aber was passiert, wenn man irgendwann wechseln möchte? Eine neue Reihe im KAPUZINER beschäftigt sich mit digitaler Selbstbestimmung – verständlich, alltagsnah und mit praktischer Hilfe direkt am eigenen Gerät. Los geht es am Dienstag, 17. November, mit dem Thema Browser.
Die meisten Menschen treffen viele ihrer digitalen Entscheidungen nur einmal – oder gar nicht bewusst. Ein Programm ist bereits installiert, ein Konto seit Jahren eingerichtet oder ein Dienst wird genutzt, weil er gut mit anderen Anwendungen zusammenspielt.
Problematisch wird das oft erst dann, wenn sich etwas ändert: Preise steigen, Funktionen verschwinden, Datenschutzregeln ändern sich oder ein Dienst passt nicht mehr zu den eigenen Bedürfnissen. Dann stellt sich die Frage, wie einfach sich Daten, Kontakte, Fotos, Lesezeichen oder gewohnte Abläufe zu einem anderen Anbieter mitnehmen lassen.
Genau darum geht es bei digitaler Souveränität: nicht darum, bestimmte Unternehmen oder Programme abzulehnen, sondern die eigenen Möglichkeiten zu kennen und selbst entscheiden zu können.
Stefanie Huber arbeitet seit Jahren in der Softwareentwicklung und Digitalisierung. Sie beobachtet einen Unterschied zwischen digitalen Produkten und vielen anderen Entscheidungen des Alltags: Beim Einkauf achten Menschen darauf, was in einem Produkt steckt, welche Firma dahintersteht, ob sie einen lokalen Anbieter unterstützen möchten oder ob ein Produkt noch zu ihren eigenen Vorstellungen passt. Sie greifen bewusst zum zuckerfreien Saft oder kaufen im Hofladen.
„Bei digitalen Produkten stellen wir uns solche Fragen viel seltener“, sagt Huber. „Oft fehlt das Wissen über die Alternativen, ein Wechsel erscheint zunächst unbequemer oder es gibt gar kein sichtbares Preisschild. Dabei verbringen wir mit diesen Diensten jeden Tag Zeit und vertrauen ihnen teilweise sehr persönliche Daten an.“
Huber betont: „Es geht überhaupt nicht darum, allen zu sagen, welchen Browser oder welchen Dienst sie benutzen sollen. Entscheidend ist, dass ich weiß, welche Möglichkeiten ich habe – und dass ich mich bewusst entscheiden kann, wo ich Geld ausgebe oder meine Zeit verbringe.“
Digitale Abhängigkeit merkt man oft erst, wenn man etwas ändern möchte
Gastgeber Fabian Bingenheimer, der sich beruflich mit Innovation und Veränderungsprozessen beschäftigt, bringt es auf eine einfache Formel: „Wenn ich bei einem Dienst bleibe, weil er für mich die beste Lösung ist, ist das eine Entscheidung. Wenn ich dort bleibe, weil ein Wechsel inzwischen so kompliziert geworden ist, dass ich ihn gar nicht mehr versuche, ist das etwas anderes.“
Genau diese Abhängigkeit ist im Alltag häufig unsichtbar. Fotos liegen in einer Cloud, Kontakte werden automatisch synchronisiert, Passwörter im Browser gespeichert und mehrere Programme greifen auf dasselbe Benutzerkonto zu. Das ist praktisch – macht einen späteren Wechsel aber unter Umständen aufwendiger. „Man muss nicht wechseln“, sagt Bingenheimer. „Aber man sollte wechseln können.“
KI verschärft die Frage
Durch Künstliche Intelligenz gewinnt das Thema zusätzlich an Bedeutung. KI wird zunehmend direkt in Suchmaschinen, Browser, Betriebssysteme, Büroprogramme und andere Alltagsanwendungen eingebaut.
Damit geht es künftig nicht mehr nur darum, wo Fotos oder Dateien gespeichert werden. KI-Systeme werden zu Werkzeugen, mit denen Menschen Informationen suchen, Texte schreiben, Inhalte zusammenfassen und Arbeit organisieren.
„Wir stehen gerade an einem Punkt, an dem sich neue Gewohnheiten bilden“, sagt Bingenheimer. „Wenn derselbe Anbieter meine Mails, Dateien und Suche verwaltet und künftig auch noch meinen KI-Assistenten stellt, wird die Bindung an dieses System immer größer. Deshalb ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sich anzuschauen, welche Alternativen es überhaupt gibt.“ Dabei soll ausdrücklich keine Angst vor neuen Technologien entstehen.
„Bequemlichkeit ist nichts Schlechtes“, sagt Huber. „Aber ich möchte wissen, was ich nutze, welche Daten dabei entstehen und ob ich mich später auch anders entscheiden kann. Genau das bedeutet für mich digitale Selbstbestimmung.“
Nicht nur darüber reden – direkt ausprobieren
Die neue Reihe orientiert sich am bundesweiten Digital Independence Day, kurz DI.DAY. Die Idee dahinter: nicht das komplette digitale Leben auf einmal umstellen, sondern sich einen überschaubaren Bereich vornehmen, Alternativen kennenlernen und einen möglichen Wechsel praktisch ausprobieren. Diesen Ansatz bringt das KAPUZINER nach Ravensburg.
Jeder Abend beginnt mit einem kurzen Vortrag von etwa 20 Minuten. Danach gibt es Zeit für Fragen. Anschließend helfen der jeweilige Referent und ehrenamtliche Helfer in kleinen Gruppen direkt an den eigenen Smartphones und Laptops.
Damit unterscheidet sich die Reihe bewusst von einem klassischen IT-Vortrag. Wer wissen möchte, wie ein anderer Browser funktioniert, kann ihn nicht nur anschauen, sondern direkt auf dem eigenen Gerät ausprobieren. Wer Hilfe braucht, bekommt Unterstützung.
Technische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Die Reihe richtet sich ausdrücklich auch an Menschen, die bei Computer- oder Smartphonefragen eher unsicher sind.
„Eigentlich möchten wir gerade diejenigen erreichen, die bei Technik schnell denken: Das ist nichts für mich“, sagt Huber. „Man muss nicht verstehen, was im Hintergrund eines Browsers passiert. Aber man sollte verstehen können, welche Entscheidungen man selbst treffen kann.“
Zum Auftakt geht es um den Browser
Am Dienstag, 17. November, startet die Reihe mit Thomas Zell. Der IT-Security- und Privacy-Experte beschäftigt sich unter dem Titel „Dein Browser, deine Regeln“ mit einem Programm, das fast jeder täglich nutzt.
Welche Daten entstehen beim Surfen? Wer bekommt sie? Wie verdienen Browseranbieter Geld? Was bringen Werbeblocker? Welche Einstellungen lassen sich verändern? Und welche Alternativen gibt es? Danach wird es praktisch. Wer möchte, kann direkt einen anderen Browser ausprobieren oder einrichten, Lesezeichen aus dem bisherigen Browser übernehmen und wichtige Einstellungen gemeinsam anpassen. Niemand muss anschließend wechseln. Entscheidend ist, zu wissen, dass es Alternativen gibt – und wie ein Wechsel funktioniert.
Zweiter Abend: Passwörter besser im Griff
Am Dienstag, 15. Dezember, geht es mit IT-Security-Experte Stephan Rothe um Passwörter und Passwortmanager. Wie lassen sich unterschiedliche Passwörter sicher verwalten? Wie funktioniert ein Passwortmanager? Welche Lösungen gibt es – und worauf sollte man achten? Auch hier folgt auf den kurzen Vortrag die praktische Umsetzung. Wer möchte, richtet direkt auf dem eigenen Gerät einen Passwortmanager ein und baut Schritt für Schritt ein persönliches System auf.
Eigenes Gerät und Zugangsdaten mitbringen
Wer an den praktischen Teilen teilnehmen möchte, sollte Smartphone und/oder Laptop sowie die passenden Ladekabel mitbringen. Außerdem werden die Zugangsdaten benötigt, mit denen man sich selbst bei den eigenen Geräten und Konten anmelden kann. Persönliche Passwörter müssen keinem Helfer mitgeteilt werden und bleiben selbstverständlich bei ihren Besitzern. Auch andere digitale Fragen dürfen mitgebracht werden.
Nach den beiden ersten Terminen soll die Reihe fortgesetzt werden. Vorgesehen ist etwa alle zwei Monate ein weiterer Abend zu einem Thema aus dem digitalen Alltag.
Digitale Souveränität im KAPUZINER
Dienstag, 17. November 2026, 19 Uhr
„Dein Browser, deine Regeln“mit Thomas Zell, IT-Security- und Privacy-Experte
Dienstag, 15. Dezember 2026, 19 Uhr
„Digitale Souveränität beginnt beim Schlüssel“
mit Stephan Rothe, Experte für Informationssicherheit
Jeweils 19 bis spätestens 22 Uhr
KAPUZINER – Raum für Kunst, Kultur und Soziales e.V.
Kapuzinerstraße 27a, 88212 Ravensburg
Erdgeschoss, großer Raum
Eintritt frei, Keine Anmeldung erforderlich
Keine technischen Vorkenntnisse nötig
Bitte Smartphone und/oder Laptop, Ladekabel sowie die benötigten Zugangsdaten für die eigenen Geräte und Konten mitbringen.
Weitere Informationen: www.kapuziner.info

