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Weingarten

Gegen Ausgrenzung und Diskriminierung

Bild: PH Weingarten

Seit über 600 Jahren sind Sinti und Roma in Deutschland beheimatet. Gleichzeitig existieren seit Jahrhunderten und bis heute Vorurteile gegenüber Angehörigen dieser Minderheit, die von versteckter und offener Diskriminierung bis hin zu rassistischer Verfolgung reichen. Eine sehenswerte Ausstellung, die bis zum 22. Juli im Schlossbau der Pädagogischen Hochschule (PH) Weingarten gezeigt wird, dokumentiert 45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma.

Zu sehen sind Fotografien und Texte aus fünf Jahrzehnten, die den Blick auf bekannte und weniger bekannte Ereignisse lenken – beispielsweise auf den Hungerstreik von zwölf Sinti auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau im Jahr 1980, mit dem sich in der Bürgerrechtsbewegung Engagierte Gehör verschafften. Im Februar 1982 konnten die Aktivisten mit der Gründung des „Zentralrats Deutscher Sinti und Roma“ eine Vertretung etablieren, die von der Bundesregierung als politischer Gesprächspartner akzeptiert wurde. Nur wenige Wochen später erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt den NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Deutschland zum ersten Mal offiziell an.

Die Ausstellung „45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma“ wurde durch das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma konzipiert. Dass sie derzeit in der PH Weingarten zu sehen ist, ist dem Sinti Powerclub e. V. in Ravensburg zu verdanken, der gemeinsam mit dem Fach „Politikwissenschaft und ihre Didaktik“ der PH Weingarten die Ausstellungspräsentation und Eröffnungsveranstaltung organisiert hat. Musikalisch begleitet wurde der Festakt von Ismael Reinhardt aus Freiburg.

Der Widerstandskampf der Sinti und Roma sei vielen eher unbekannt, sagte Natalie Reinhardt, Vorsitzende des 2017 gegründeten gemeinnützigen Vereins Sinti Powerclub e. V., die gemeinsam mit Dr. Sven Rößler vom Fach Politikwissenschaft die Eröffnungsgäste begrüßte. Beide kooperieren erfolgreich auch in anderen Projekten und zeigten sich erfreut über das große Interesse seitens der Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.

Grußworte zur Ausstellungseröffnung
Er freue sich, dass die PH als Ausstellungsort gewählt wurde, sagte Prof. Dr. Bernd Reinhoffer, PH-Prorektor für Lehre und Studium. Bereits 1987 habe er an der PH in einer gemeinsamen Initiative mit der Hochschulgemeinde und dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weissenau die Ausstellung „Vergessene Opfer des Nationalsozialismus“ auf die Beine gestellt. Die jetzt präsentierte Ausstellung zeige einmal mehr, wie wichtig politische Bildung sei. „Wir sind hier am richtigen Ort“, bedankte er sich im Namen der Hochschulleitung für die Organisation der Ausstellung und lobte das große Engagement von Natalie Reinhardt und die effektive Zusammenarbeit von Vertretern des Fachs Politikwissenschaft mit dem Sinti Powerclub. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, sagte in seiner Videobotschaft, dass die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Antiziganismus trotz der politischen Erfolge, die in den vergangenen Jahrzehnten erreicht worden seien, fortgesetzt werden müsse. Dies erfordere eine kontinuierliche Aufklärung, vor allem auch in den Schulen, sagte er und dankte der PH für die Präsentation der Ausstellung. Benjamin Strasser, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Justiz, bedauerte in seinem Videogrußwort, dass Antiziganismus in Deutschland immer noch ein Thema sei. Diskriminierung müsse auch auf kommunaler und regionaler Ebene bekämpft werden, forderte er und wünschte der Ausstellung viele Besucher.

Vor Ort anwesend war Baden-Württembergs Minister für Soziales, Gesundheit und Integration, Manfred Lucha. Er würdigte das Engagement der Sinti und Roma in ihrem unermüdlichen Kampf für Anerkennung und Gleichberechtigung. Die Ausstellung zeige die engagierten Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, welche sich unermüdlich für Rechte und gleichberechtigte Teilhabe der Sinti und Roma einsetzten – „gerade auch dann, als die Politik, ich nehme jetzt ein bisschen eine harte Formulierung, versagte oder zumindest teilweise versagte“. Lucha hob die historische Bedeutung des Staatsvertrags zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Landesverband deutscher Sinti und Roma hervor. „Minderheiten stehen in der Demokratie unter dem besonderen Schutz des Staates“, sagte der Bundestagsabgeordnete Axel Müller. Die Ausstellung aber mache deutlich, dass den Sinti und Roma dieser Schutz in der Vergangenheit leider nicht widerfahren sei. Vielmehr hätten sie jahrzehntelang kämpfen müssen, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen und anerkannt zu werden. Müller verwies auf die Ausstellung „Ausgrenzung und Verfolgung – Ravensburger Sinti im Nationalsozialismus“, die im vergangenen Jahr im Ravensburger Museum Humpis-Quartier zu sehen war, und unterstrich, wie wichtig es sei, dieses Wissen an die junge Generation weiterzugeben. Er selbst gehe in Schulklassen, um über dieses Thema zu sprechen. Die PH werde mit der Ausstellung ihrem politischen Bildungsauftrag gerecht.

Auch in Weingarten werde man mit Diskriminierung und Ausgrenzung konfrontiert, sagte Weingartens Erster Bürgermeister Alexander Geiger. Alle seien daher gefordert, zusammenzustehen und die Menschenwürde zu verteidigen. Die Ausstellung schaffe ein Bewusstsein für die Leiden der Sinti und Roma und leiste einen wichtigen Beitrag in Sachen Aufklärung und Sensibilisierung für dieses Thema. Es sei für ihn nicht üblich, in Weingarten zu sprechen, aber dies sei ein gutes Zeichen, sagte Ravensburgs Erster Bürgermeister Simon Blümcke. Natalie Reinhardt und den Organisatoren der Ausstellung sei es gelungen, dass Menschen über die Partei- und Stadtgrenzen hinweg zusammenkommen, um die Ausstellung anzuschauen und deren Eröffnung zu feiern. Die Ausstellung gebe nicht nur einen Blick zurück in die Vergangenheit, sie animiere auch dazu, „dass wir daraus lernen, es in Zukunft besser zu machen“.

Fachvortrag und Ausstellungseinführung
Über „Kontinuitäten des Antiziganismus“ sprach Dr. Frank Reuter, Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg, in seinem Fachvortrag. Reuter beleuchtete mit zahlreichen Beispielen sowohl die sozialen als auch die visuellen Dimensionen. Er führte den Zuhörerinnen und Zuhörern am Beispiel der Ikonografie Wirkmechanismen des visuell vermittelten Antiziganismus vor Augen. André Raatzsch, Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, führte abschließend in die Ausstellung ein. Zum ersten Mal ist die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung Thema einer eigenen Ausstellung. Sie leiste damit einen wertvollen Beitrag zur überfälligen Beschäftigung mit diesem Kapitel deutscher und europäischer Zeitgeschichte. Das Eintreten für Gleichberechtigung und Menschenrechte, von dem die Ausstellung berichte, sei bis heute notwendig.

INFO:
Die Ausstellung „45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma“ ist noch bis zum 22. Juli im Schlossbau der PH Weingarten auf dem Martinsberg (erstes Obergeschoss, im Flur vor dem Festsaal) zu sehen. Gefördert wird sie im Rahmen des Projekts „Sinti Power Ummenwinkel – Vom Stadtteil zum Teil der Stadt“ durch die Baden-Württemberg-Stiftung sowie mit Mitteln aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ durch die Stadt Weingarten.

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Text und Fotos: Barbara Müller

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