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Jungs erkunden typische Frauenberufe

Bild: Barbara Müller

Es ist noch recht früh am Morgen, als sich die Aula der Pädagogischen Hochschule Weingarten mit fröhlichem Leben füllt. Auf einer großen Leinwand prangt neben dem PH-Logo der Hinweis „Happy Boys‘ Day – wir machen mit!“. An der Hochschule auf dem Martinsberg findet der Jungen-Zukunftstag statt, an dem Schülern die bislang von Frauen dominierten Berufe Grundschullehrer und Kindheitspädagoge vorgestellt werden.

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Die Stühle füllen sich, es wird geflüstert, gekichert und gelacht. Rund 65 Schüler der Klassenstufe 7 des Welfen-Gymnasiums und der Klassenstufe 8 des Gymnasiums St. Konrad sind mit ihren Lehrern an die PH gekommen, um die Hochschule, deren Studienmöglichkeiten, Lehrende und Studierende kennenzulernen. „Schön, dass ihr heute hier seid“, begrüßt Dr. Ingo Kreyer, Referent im Prorektorat für Lehre und Studium, die Jungs im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren. Von ihm erfahren die „Boys“, dass die PH aktuell circa 2.600 Studierende zählt und zehn Bachelor- sowie 13 Masterstudiengänge im Bereich Bildungswissenschaften anbietet. Kreyer berichtet zudem von den mehr als 30 Erasmus-Partneruniversitäten der PH – auch in Übersee – an denen Studierende ein attraktives Auslandsstudium absolvieren können, und schwärmt vom bunten und vielfältigen studentischen Leben in der Hochschulstadt Weingarten. Beim Boys‘ Day, so Kreyer weiter, hätten die Schüler die Gelegenheit, mit Lehrenden und Studierenden der PH zu sprechen und Interessantes über die Berufe Grundschullehrer oder Kindheitspädagoge zu erfahren, in denen Männer nach wie vor unterrepräsentiert sind.

Noch immer würden Kraftfahrzeugmechatroniker, Fachinformatiker oder Elektroniker zu den beliebtesten Ausbildungsberufen von Jungs gehören, berichtet Kreyer. Bei den Studienfächern stünden nach wie vor Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Maschinenbau sowie Elektrotechnik und Elektronik in der Beliebtheitsskala von Jungs ganz oben. Weniger als 40 Prozent hingegen betrage der Anteil von Männern in Bildungs-, Erziehungs-, Gesundheits-, Pflege- und Dienstleistungsberufen. An der PH liege der Anteil männlicher Studierenden für das Lehramt an Grundschulen bei gerade mal 15 Prozent. Unter den angehenden Kindheitspädagogen seien sogar nur sieben von 100 Studierenden männlich. „Das stelle ich mir für Männer gar nicht so uncool vor“, kommentiert ein Schüler die Zahlen und sorgt damit für Lacher.

Interessiert verfolgen die Schüler die Ausführungen der beiden angehenden Grundschullehrer Sinan Cakir und Jan-Bernd Schlangen. Beide haben sich nach der Schule zunächst für technische bzw. kaufmännische Berufe entschieden und erst später ihren Traumberuf entdeckt. Schnell wird klar, dass die beiden sich sofort wieder für ein Grundschul-Lehramtsstudium entscheiden würden. Gerade die Grundschuljahre seien für Kinder sehr prägend, betonen sie. Es sei daher wichtig, dass auch Männer in der Grundschule mitwirken. Seitens ihrer weiblichen Studienkolleginnen gebe es keine Vorbehalte. Die Studieninhalte seien interessant und vielfältig – mit hilfreichen und produktiven Lerngemeinschaften. „Weder im Studium noch später im Beruf als Grundschullehrer wird es euch langweilig sein“, werben die beiden für ihren Beruf. Man könne vieles selbst gestalten und lerne durch den Umgang mit kleinen und großen Menschen immer wieder Neues dazu. „Das scheint ja tatsächlich richtig Spaß zu machen“, zeigt sich ein Junge sichtlich überrascht. „Dann werde doch einfach selbst Grundschullehrer“, rät ihm sein Schulkamerad und boxt ihn freundschaftlich in die Rippen.

Zeit für Workshops
Plötzlich herrscht fröhliche Unruhe in der Aula: Die Einteilung mittels Losverfahren für sieben unterschiedliche Workshops in zwei Durchgängen beginnt. Die Schüler haben die Möglichkeit, in die vorgestellten Studiengänge hineinzuschnuppern, mit Studierenden zu sprechen und moderne Unterrichtsmethoden zu erleben.

So dürfen die Kids unter anderem bei spannenden Physik-Experimenten teilnehmen und das MoFU-Lehr-Lern-Labor des Fachs Chemie erkunden. Sie lernen dabei, was fachübergreifender Unterricht bedeutet und welche Rolle das Schüler-Labor im Lehramtsstudium spielt. Im CoLiLab der PH erleben die Schüler in einem Workshop den gesamten Prozess von der digitalen Modellierung bis zum Druck eines Modells. Sie befassen sich mit CAD-Software, 3D-Drucken und allem, was dazu gehört.

Wie echtes Spieldesign funktioniert, erfahren die Jungs im Workshop Game Design. Mit dem Board Game Generator dürfen sie in fünf Schritten ihr eigenes digitales Brettspiel bauen und die Felder mit Minigames wie Quiz, Memory oder Snake bestücken.

Im Montessori-Studio gilt es für die Jungs, mit ausgewählten Montessori-Materialien Aufgaben an verschiedenen Stationen zu lösen – auch zu KI-Themen. Fleißig gewerkelt wird gleich nebenan im Grundschulzentrum: Dort bauen die Schüler einen eigenen Wasserfilter und filtern verschiedene Flüssigkeiten, programmieren Bee Bots und lösen damit Problemstellungen oder bauen unter Video-Anleitung ein Windrad.

Fragen wie „Wann ist der Mann ein Mann?“ und „Ist die Pädagogik verweiblicht?“ gehen die Schüler im Workshop des Fachs Ethik nach. Praktische Übungen aus dem Stockkampf und ein Rap sorgen dabei für Auflockerung.

Am Ende des Boys‘ Day zeigt sich, dass Schüler und Lehrer vom Programm, den Informationen und den Kontakten, die sie erhalten haben, begeistert sind. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Studium an der PH so vielfältig sein kann“, sagt ein Gymnasiast. Seine Klassenkameraden nicken zustimmend.