Auch in diesem Jahr standen beim Bürgerempfang der Stadt Ravensburg auf der Oberschwabenschau aktuelle politische Themen im Fokus. Anders war jedoch das Format: Sowohl Ehrengast Manuel Hagel als auch Oberbürgermeister Daniel Rapp verzichteten auf die üblichen Forderungen und mahnenden Fingerzeige in Richtung Berlin. Stattdessen warben beide dafür, die drängendsten Herausforderungen selbst anzupacken.
Wie schon in den Vorjahren war die Event-Zelthalle der Oberschwabenschau mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Amtsträgern aus Kommunen und Politik bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem musikalischen Auftakt durch das Bläserensemble des Stadtorchesters Ravensburg machte Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp schnell deutlich, dass sein Beitrag in diesem Jahr andere Schwerpunkte setzen werde als das sonst übliche Fordern und Wünschen.
Eingangs blickte das Ravensburger Stadtoberhaupt mit Sorge auf die Weltlage und insbesondere auf die Situation in der Ukraine. „Diese täglichen Bilder treiben einem die Tränen in die Augen. Vor allem wenn man dann sieht, wie politische Kräfte in Deutschland den Feind auch noch unterstützen wollen“, sagte Rapp. Mit Blick auf politische Entwicklungen auch in Deutschland sieht der Oberbürgermeister einen „Riss durch die Gesellschaft“, der nicht nur die Politik, sondern auch jeden Einzelnen fordere. Es brauche Mut und Feingefühl. „Angst und Verzweiflung waren immer schon die schlechtesten Ratgeber“, betonte Daniel Rapp.
Kernthema seines Grußworts war die Bildung, die auch Ravensburg vor enorme Herausforderungen stellt. Anders als in vielen anderen Kommunen steigen die Schülerzahlen hier wieder an. Die Grundschule St. Christina wird seit diesem Schuljahr zweizügig geführt. Mittelfristig sollen sich die Schülerzahlen dort verdoppeln. Rapp ging zudem auf die Umstrukturierungen bei den Gemeinschaftsschulen und den Neubau der Grundschule Kuppelnau ein. Auch die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums (G9) führe zu zusätzlichem Raumbedarf an den städtischen Gymnasien. Die Stadt Ravensburg werde daher mehr als 70 Millionen Euro direkt in die Bildung investieren. Hinzu kommen die jährlich im Haushalt veranschlagten 50 Millionen Euro für diese Aufgaben. Im Beisein der Gäste aus der Landes- und Bundespolitik sprach Daniel Rapp auch das zuletzt intensiv diskutierte Thema der PISA-Studie an. „Es kann nicht sein, dass ein wohlhabendes Land wie Deutschland so miserabel abschneidet.“ Ein grundlegendes Problem sei unbestritten, dass Kinder bei der Einschulung erhebliche Defizite in der deutschen Unterrichtssprache mitbrächten. Rapp bekräftigte deshalb seine Forderung nach verpflichtenden und kostenfreien Kita-Jahren, präzisierte diese aber zugleich: „Es reicht nicht, das im letzten Jahr vor der Einschulung zu machen, sondern schon ab dem ersten.“
Darüber hinaus müssten Kinder und Jugendliche deutlich mehr Kompetenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) erwerben, um Falschmeldungen von verlässlichen Informationen unterscheiden zu können. Für ihren Einsatz bei diesen Herausforderungen dankte Rapp auch den Bildungspartnern, die sich der Themen annehmen – teilweise auch aus privaten Institutionen. Diese Partner leisteten einen enorm wichtigen Beitrag für die Demokratie.
Ehrengast Manuel Hageln, baden-württembergischer Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident (CDU) , hatte ebenfalls eine Rede vorbereitet, die sich deutlich von den Beiträgen früherer politischer Gäste unterscheiden sollte. Bei vergangenen Bürgerempfängen war häufig eine lange Liste regionaler Wünsche abgearbeitet worden, bevor mit Blick auf die leeren Kassen in Berlin auf die begrenzten finanziellen Möglichkeiten verwiesen wurde. Hagel schlug einen anderen Weg ein.
Zunächst gab er Einblicke in den politischen Stil der Landesregierung. „Bei den Entscheidungen sitzen Land und Kommunen an einem Tisch. Und wir reden vor allem über das, was für die Zukunft des Landes wichtig ist. Da wird natürlich auch mal gestritten, aber hinter verschlossenen Türen. Wir wollen keine Schlagzeilen, sondern konkrete Ergebnisse.“
Einen besonderen Schwerpunkt legte Hagel auf die Botschaft, die von der Oberschwabenschau mit Blick auf Landwirtschaft und Handwerk ausgehe. Gerade in Zeiten, in denen vor allem Künstliche Intelligenz und ihre Chancen und Gefahren die Schlagzeilen bestimmten, seien Verbrauchermessen wie diese wichtiger denn je. Hagel mahnte an, Kinder und Jugendliche schon früh an das Thema gesunde und regionale Lebensmittel heranzuführen. „Da gehört der Besuch auf dem Wochenmarkt und Bauernhof einfach dazu“, sagte er. Zugleich ergänzte er: „Aber die Menschen müssen über regional erzeugte Lebensmittel nicht nur reden, sondern sie auch kaufen.“ Jeder Euro, der auf diese Weise umgesetzt werde, entfalte eine doppelte Wirkung für die Wertschöpfungskette und den Wohlstand im Land.
Grundsätzlich warb der Innenminister dafür, dass die Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst anpacken. Diese Mentalität zeichne Baden-Württemberg aus und habe das Land schon in der Vergangenheit erfolgreich gemacht. Als symbolisches Beispiel führte Hagel die „Kehrwoche“ an: „Man kann sich natürlich über eine dreckige Straße beschweren. Aber wenn jeder Anwohner seine zehn Meter kehrt, dann ist die Straße ordentlich.“
Hagel dankte auch den vielen Ehrenamtlichen, die sich bereits tatkräftig engagierten. Zugleich betonte er, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leisten könne. Dabei helfe auch etwas mehr Patriotismus. „Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein.“ Viel Applaus erhielt Hagel schließlich für seinen abschließenden Slogan, den er den Gästen des Bürgerempfangs mit auf den Weg gab: „Bauch rein, Brust raus, Kopf hoch!“
Im Anschluss unternahm Manuel Hagel einen Rundgang über die Messe und besuchte ausgewählte Messestände.
Sehen Sie nachfolgend Bildeindrücke von Bürgerempfang und dem anschließenden Rundgang über die Oberschwabenschau 2026 – fotografiert von Kim Enderle



















