Die Wirtschaft in der Region Bodensee-Oberschwaben kommt langsam aus dem Tal. Vor allem Teile der Industrie fassen wieder Tritt. Zusätzliche öffentliche Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen sorgen für Nachfrage und geben bestimmten Industriebranchen Impulse. Doch von einem Aufschwung in der Breite ist die regionale Wirtschaft weit entfernt: Der Einzelhandel bleibt unter Druck, die Bauwirtschaft wartet auf kräftigere Impulse und die Investitionsbereitschaft insgesamt ist verhalten.
Für Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), ist klar: „Die ersten Lichtblicke sind erfreulich. Aber wir dürfen sie nicht mit einer Trendwende verwechseln. Öffentliche Ausgaben können die Konjunktur anschieben. Sie ersetzen aber keine international wettbewerbsfähigen Standortbedingungen und strukturellen Reformen.“
„Viele Unternehmen sind noch längst nicht über den Berg.“
Die Zahlen zeigen: Die Erholung trägt noch nicht
Über alle Branchen hinweg beurteilen 34 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 48 Prozent als befriedigend und 18 Prozent als schlecht. Auch die Erwartungen hellen sich leicht auf: 19 Prozent rechnen mit besseren Geschäften, 58 Prozent erwarten eine gleichbleibende Entwicklung und 23 Prozent eine Verschlechterung. Der Erwartungssaldo bleibt negativ. Das lässt sich auch bei den Investitionsplänen erkennen: 18 Prozent der Unternehmen planen in den nächsten Monaten überhaupt keine Investitionen. Die Zahl der Betriebe, die ihre Investitionen erhöhen wollen, nimmt leicht ab. Zwar planen auch weniger Unternehmen mit sinkenden Investitionen, ein kräftiger Investitionsschub bleibt aber aus. „Die Erholung kommt in unserer Region bislang sehr unterschiedlich an. Während Teile der Industrie von zusätzlichen Aufträgen profitieren, fehlt es andernorts noch an spürbaren Impulsen. Auch die zurückhaltenden Investitionsplanungen zeigen: Viele Unternehmen sind noch längst nicht über den Berg“, sagt Buck.
Auch die gesamtwirtschaftlichen Prognosen mahnen zur Vorsicht: Die Bundesregierung erwartet für 2028 lediglich ein Wachstum von 0,6 Prozent. Die DIHK führt die aktuelle Belebung unter anderem auf steigende Exporte in den EU-Binnenmarkt und schuldenfinanzierte Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung zurück.
Industrie profitiert – doch die Wettbewerbsfähigkeit bleibt ein Problem
Die deutlichsten Lichtblicke kommen aus der Industrie. Die Geschäftslage hat sich spürbar verbessert, die Umsätze sind gestiegen, vor allem im Inland. Zwar berichten noch 25 Prozent der Industrieunternehmen von Auftragsrückgängen, zwölf Prozentpunkte weniger als im Frühjahr. Gleichzeitig entwickelt sich der Auftragseingang uneinheitlich: Sowohl die Zahl der Unternehmen mit steigenden als auch mit sinkenden Auftragseingängen nimmt zu.
Die zusätzlichen Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen setzen in Teilen der Industrie Impulse. Davon können auch Zulieferer profitieren. In der regionalen Elektrotechnik treffen militärische Anwendungen auf zivile Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Elektrifizierung. Unternehmen in den Bereichen Elektronik, Sensorik, Steuerungstechnik und elektrische Systeme können in beiden Feldern tätig sein. Maschinenbau und Metallindustrie profitieren indirekt, etwa durch zusätzliche Aufträge für Produktionsanlagen, Werkzeugmaschinen oder Spezialmaschinen.
„Unsere breit aufgestellte Industrie kann von diesen zusätzlichen Aufträgen profitieren. Doch wir müssen genau hinschauen: Die Entwicklung ist nicht überall gleich, und eine bessere Auftragslage in einzelnen Geschäftsfeldern löst nicht die grundlegenden Wettbewerbsprobleme. Entscheidend ist, dass sich Investitionen am Standort wieder rechnen und unter planbaren politischen Rahmenbedingungen erfolgen können“, sagt Buck.
Die Exporterwartungen bleiben insgesamt unverändert. Positive Impulse erwarten die Industrieunternehmen für die Euro-Zone und das übrige Europa oder auch den asiatischen Markt (ohne China), nicht jedoch aus Nordamerika oder China. Hohe Energie- und Arbeitskosten sowie die schwache Auslandsnachfrage belasten die Wettbewerbsfähigkeit. „Wir brauchen bezahlbare Energie, wettbewerbsfähige Arbeitskosten, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen. Investitionen müssen sich wieder rechnen – sonst investieren Unternehmen dort, wo die Bedingungen besser sind“, betont Buck.
Die Industrie zeigt grundsätzlich Investitionsbereitschaft: Jedes vierte investitionsbereite Unternehmen möchte seine Kapazitäten erweitern, jedes dritte plant Investitionen in Energieeffizienz. Dennoch liegen die Investitionsplanungen weit unter dem langfristigen Durchschnitt. Die Motive reichen vor allem von Ersatzinvestitionen und Rationalisierung bis zu Digitalisierung.
Einzelhandel und Bau warten auf den Aufschwung
Während Teile der Industrie von zusätzlichen Aufträgen profitieren, bleibt der Einzelhandel unter Druck. Geschäftslage und Ertragslage haben sich verschlechtert, die Umsätze können kaum zulegen. Hohe Preise, insbesondere bei Kraftstoffen, wirtschaftliche Unsicherheit und Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz belasten die Konsumlaune. Die Inlandsnachfrage nennen 57 Prozent der Unternehmen als Risiko.
Auch in der Bauwirtschaft ist ein kräftiger Aufschwung nicht erkennbar. Ermutigend sind die Auftragseingänge, insbesondere im Tiefbau und öffentlichen Hochbau. Im Wohnungsbau bremsen hohe Zinsen und Baukosten die Nachfrage. Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz soll Planungs- und Genehmigungsverfahren für wichtige Verkehrsprojekte beschleunigen. Entscheidend ist nun, dass Investitionen schneller umgesetzt werden und die zusätzlichen Mittel tatsächlich auf den Baustellen ankommen. „Wir brauchen mehr Tempo und besser planbare Finanzierungsmodelle bei der Umsetzung öffentlicher Investitionen. Es darf nicht sein, dass dringend benötigte Infrastrukturprojekte an langwierigen Verfahren scheitern, sich immer weiter verzögern und man dann überrascht ist, dass die ausführenden Unternehmen nicht beliebig verfügbare Kapazitäten für die Umsetzung haben“, sagt Buck.
Auch im Großhandel und bei den unternehmensnahen Dienstleistern kommt die bessere Industriekonjunktur bislang nur begrenzt an. Ein breiter Auftragsschub ist nicht erkennbar.
Jetzt nachlegen – nicht auf den Aufschwung warten
Die Risiken für die Unternehmen bleiben erheblich: 61 Prozent nennen die Energiepreise, 57 Prozent die Inlandsnachfrage und 53 Prozent die Arbeitskosten. Geopolitische Spannungen beschäftigen 46 Prozent der Betriebe. Auch der Fachkräftemangel gewinnt an Bedeutung: 40 Prozent sehen darin ein Risiko, sechs Prozentpunkte mehr als bei der vergangenen Befragung. In den Freitextantworten nennen Unternehmen den Bürokratieabbau als dringenden Handlungsbedarf.
Für die IHK dürfen die ersten Lichtblicke kein Anlass sein, notwendige Reformen aufzuschieben. Vielmehr müssen die eingeleiteten Reformschritte mit aller Kraft vorangetrieben werden. Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz zeigt, dass politische Weichenstellungen möglich sind. Nun müssen weitere Schritte folgen, um Kosten zu senken, Bürokratie abzubauen, Verfahren zu beschleunigen und private Investitionen zu erleichtern.
Denn während dringend notwendige Reformen nur schleppend vorankommen, drohen den Unternehmen bereits neue regulatorische Belastungen mit weitreichenden Folgen. Ein Beispiel ist der geplante Quality Jobs Act der EU. Unter der Überschrift guter und fairer Arbeit werden hier stärkere Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen oder noch mehr Regeln für den Einsatz künstlicher Intelligenz diskutiert. Für die meisten Unternehmen steht jedoch fest: Gute Arbeitsplätze entstehen in international wettbewerbsfähigen Unternehmen, nicht durch noch mehr Bürokratie und Einschränkung unternehmerischer Handlungsspielräume.
„Der Aufschwung ist teuer erkauft, solange er vor allem von schuldenfinanzierten Staatsausgaben getragen wird und die private Nachfrage nicht ausreichend nachzieht. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen: Die Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und spürbare Entlastungen, damit sie wieder aus eigener Kraft investieren und wachsen können. Vor allem müssen die notwendigen politischen Weichenstellungen so schnell wie möglich erfolgen, denn während wir seit Jahren auf der Stelle treten, zieht uns fast die gesamte Welt bei Wachstum und Zukunftsinvestitionen davon. Aus staatlichen Impulsen kann nur ein selbsttragender Aufschwung werden, wenn die Unternehmen endlich ihre Kräfte viel freier entfalten dürfen“, sagt Buck.
An der IHK-Konjunkturumfrage Herbst 2026 haben sich 296 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen beteiligt. Die Befragung fand vom 14. September bis 2. Oktober 2026 statt. Die IHK Bodensee-Oberschwaben erhebt als einzige Organisation in der Region regelmäßig eine umfassende Konjunkturbeobachtung auf Basis eigener Unternehmensbefragungen.
Weitere Informationen: www.konjunkturboard-bw.de

