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„Wir müssen die Inklusionsdiskussion versachlichen!“ 

LIEBENAU – „Zu viel Ideologie, zu wenig Einbeziehung der Betroffenen!“ Zur derzeitigen Inklusionsdebatte bezieht Michael Löher ebenso Position wie zu anderen aktuellen Entwicklungen der Sozialpolitik. Als Vorstand des „Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e. V.“ ist Löher einer der wichtigsten Gesprächspartner für Politik, Verwaltung und Praxis, wenn es um Sozialpolitik, soziale Arbeit und die Entwicklung des Sozialrechts in Deutschland geht.

Michael Löher ist zu Gast in der Stiftung Liebenau. Ein straffes Besuchsprogramm liegt hinter ihm: Frühförderstelle, Wohnprojekt „Supported Living“, Werkstatt für Menschen mit Behinderung. „Best-Practice-Beispiele“ sammle er bei solchen Besuchen, sagt er, Praxiserfahrungen, die auch in Empfehlungen des Deutschen Vereins gegenüber Politik und Verwaltung einfließen. Seit 1880 gibt es den Deutschen Verein. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Praxis, Legislative und Exekutive. Mitglieder sind unter anderem Kommunen und Wohlfahrtsorganisationen, Bundesländer und Vertreter der Wissenschaft für alle Bereiche der sozialen Arbeit, der Sozialpolitik und des Sozialrechts. Seit einigen Jahren ist auch die Stiftung Liebenau Mitglied. „Die Stiftung gehört zu den wichtigen innovativen Playern in der sozialen Praxis“, so Löher.

Das Themenspektrum des Deutschen Vereins ist weit gefächert. Ganz oben auf der Agenda zurzeit: Die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Löher beobachtet die auf das Schlagwort Inklusion verkürzte Debatte mit Skepsis. „Momentan sind zu viele Interessengruppen ideologisch unterwegs. Das Wunsch- und Wahlrecht der Betroffenen selbst ist oft nicht im Blick.“ Der Weg zur gleichberechtigten Teilhabe für Menschen mit Behinderung sei ein langjähriger Prozess, der sich auf alle Lebensbereiche beziehe und von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptiert werden müsse. „Diese Diskussionen haben erst begonnen.“ Der Staat müsse geeignete Instrumente zur Teilhabeförderung schaffen, zum Beispiel im Rahmen der Arbeitsmarktpolitik. Träger müssten ihre Strukturen entsprechend entwickeln: „Manche müssen auch das Loslassen lernen.“ Andererseits könne der Begriff Teilhabe nur individuell definiert werden. Für jemand mit leichter körperlicher Beeinträchtigung stelle sie sich anders dar, als für einen Menschen im Wachkoma oder jemanden mit schweren geistigen Behinderungen. Am wichtigsten für Löher: der Blick auf die Betroffenen selbst, deren Willen und Können.

Welchen Beitrag leistet der Deutsche Verein zur weiteren Entwicklung in Sachen Inklusion und Teilhabe? „Wir versuchen, die Diskussion zu versachlichen“, erklärt Löher. „Zum Beispiel, indem wir die verschiedenen Ebenen differenzieren: Wo ist staatliche Steuerung gefordert, wo sind Ziele zu erfüllen, wo existieren eventuell individuelle Rechtsansprüche? Aber auch: Welche Kostendimensionen sind damit verbunden und wer trägt diese!“ Ein breites Diskussionsforum bietet der Deutsche Verein auch mit dem Deutschen Fürsorgetag, dem europaweit größten Fachtag der Sozialpolitik, Sozialen Arbeit und des Sozialrechts. Unter dem Titel „Teilhaben und Teil sein“ wird vom 16. bis 18. Juni 2015 in Leipzig die (sozialpolitische) Frage beleuchtet, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen.

Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die Altenhilfe und -pflege. Der Deutsche Verein hat Empfehlungen zur sozialräumlichen Entwicklung vorgelegt. „Wir halten es für notwendig, dass die Kommunen mehr Steuerungsverantwortung erhalten. Nur so können vorhandene Angebote besser verzahnt werden, um zum Beispiel zur Verhinderung von Pflegebedürftigkeit beizutragen.“ Hier könnten kommunale Pflegestützpunkte wertvolle Dienste leisten. Problematisch findet Löher das an manchen Orten entstandene Überangebot an Dienstleistern. Im Bereich der Altenpflegeheime führt das zum Beispiel, so seine Einschätzung, zu Unübersichtlichkeit, teilweise zu Preis- und Lohndumping – und entsprechenden Qualitätsverlusten. „Manchmal ist es nötig, das Marktgeschehen zu begrenzen!“

Weitere Informationen unter www.deutscher-verein.de

 

 

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