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Winterstuhl und Ägäischblau im Ravensburger Hochsommer 

Kunst am Stuhl war angesagt im Inklusiven Kunstatelier in der Ravensburger Kapuzinerstraße. Die Malerin und Lebenskünstlerin Sassa Ruopp sowie Maria Müller-Hund und Katrin Wermuth vom ZfP Südwürttemberg luden ein, Stühle zu bemalen. Wie bereits im Frühjahr nahmen an diesem Workshop wieder afrikanische Flüchtlinge teil, die in Bergatreute untergebracht sind. Der Schneider Lamin aus Gambia spielte diesmal eine unterstützende Rolle.

Das Schild auf der Staffelei in der Ravensburger Kapuzinerstraße lädt auch Passanten ein. Das Inklusive Kunstatelier veranstaltet einen zweitägigen Sommerworkshop, in dem alte Stühle künstlerisch aufgepeppt werden. Das Atelier versteht sich als Begegnungsort, wo sich Patientinnen und Patienten unabhängig von Therapie aber begleitet durch Fachkräfte des ZfP betätigen und mit unterschiedlichen Personen in Kontakt kommen können, erklärt die Weissenauer Heilpädagogin Maria Müller-Hund. Workshopleiterin Katrin Wermuth vom ZfP begrüßt die Teilnehmenden und stellt das Konzept vor.

Bürgerinnen und Bürgern aus der Region – ob psychisch krank oder nicht – nehmen an diesem inklusiven Workshop teil. Auch einige neue Gäste sind willkommen. Bereits bekannt ist Bea N., die wieder mit zwei afrikanischen Flüchtlingen gekommen ist. Im Helferkreis einer Gemeinde im Landkreis Ravensburg unterstützt die Erzieherin in ihrer Freizeit die aus ihrer Heimat Entwurzelten.

Neben Stühlen und Farben liegen auch Stoffe und fast echte “Pelze” bereit. Schneider Lamin aus Gambia hat seine Nähmaschine mitgebracht. Der Flüchtling freut sich, dass er heute seine Fähigkeiten unter Beweis stellen darf und selber einmal in die Rolle des Unterstützers schlüpfen kann. Bea vom Unterstützungskreis wünscht sich ein Kissen für ihren Hocker. Auch die anderen Gäste im Workshop dürfen Lamins Dienste in Anspruch nehmen.

Für Inspiration und Anleitung ist in diesem Workshop Sassa Ruopp zuständig. Katrin Wermuth und Maria Müller-Hund haben die Malerin und Lebenskünstlerin engagiert. Die hat für sich derzeit Stühle als Gestaltungsfeld entdeckt. „Das ist wie im Diktat. Der Stuhl sagt mir, was er von mir will“, erklärt sie den Gästen im Kunstatelier. Gerne steht sie den Teilnehmenden im Workshop mit Rat und Tat zur Seite. Erst muss geschmirgelt und geputzt werden. Dann können die Künstlerinnen und Künstler ans Grundieren gehen. Lamin lässt derweil die Singer-Nähmaschine rattern. Sein Kollege unternimmt zaghafte Versuche mit Farbe und Pinsel. Höchste Konzentration und Gründlichkeit sind angezeigt im Inklusiven Atelier.

Beas Kissen ist fertig, jetzt sind die Beine des Hockers an der Reihe. Sie sollen „Söckchen“ bekommen aus dem gleichen Material. „Gibt das einen Winterstuhl?“, fragt ein Workshopteilnehmer amüsiert. Unkompliziert gehen sie miteinander um, zeigen Interesse aneinander und kaum Berührungsängste. Man kommt miteinander in Kontakt. Und wenn die Verständigung über das Englische zu schwierig wird, gibt’s jemand, der übersetzen kann, oder man behilft sich mit Händen und Füßen weiter.

Auch draußen im Hof wird kräftig gearbeitet. Im Schatten lässt es sich an diesem heißen Sommertag trefflich aushalten. In ägäischem Blau leuchtet bald ein einst schäbiger Stuhl vor der hellen Hofwand. Drinnen wurde ein Clubsessel mit Leopardenkissen aufgepeppt. Nebenan entsteht Bauernmalerei im Kunstatelier. Dazu will die junge Kunstschaffende ein poppiges Kissen auf die Lehne basteln. „Flowerpower meets Bavaria“, sagt sie dazu verschmitzt lächelnd.

Mittlerweile sind Beas Fellschuhe fertig. Jetzt bekommt der Hocker einen neuen Anstrich. „Das sieht richtig afrikanisch aus!“, begeistern sich die Kollegen im Workshop auch angesichts eines hellgelb mit weiß aufgetragenen Musters auf der schwarzen Stuhllehne. Lamin hat weitere Aufträge für Kissenbezüge angenommen. Schon ist der Stoff zurechtgeschnitten und das zweite Werkstück in Arbeit. Nebenan haben es rosafarbene Herzchen auf einem Klappstuhl es Lebenskünstlerin Sassa Ruopp angetan.

Die letzten Farben werden für heute aufgetragen. Jetzt muss alles trocknen. Die Pinsel werden ausgewaschen, Farbdosen verschraubt, Reste zugedeckt. Morgen geht’s weiter. Und dann ist erst mal Pause. Am 28. August öffnet das Inklusive Kunstatelier wieder seine Türen.

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