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Vollversammlung der IHK im Zeichen der Energiekrise

Peter Jany (links) und Martin Buck (rechts). Bild: IHK/PhotoArt Hund.

Die unsichere Versorgungssituation mit russischem Gas belastet auch weiterhin die Wirtschaft in der Region. Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), warnt vor einem dramatischen Wirtschaftseinbruch und ruft zum Zusammenhalt von Wirtschaft und Gesellschaft auf. Die Vollversammlung der IHK widmete sich in ihrer Sommersitzung schwerpunktmäßig dem Thema Energieversorgung.

Die Unternehmerinnen und Unternehmer hatten sich Referenten und Vertreter aus der Energiebranche eingeladen, um über die aktuelle Versorgungslage in der Region zu diskutieren und eine Resolution zum Thema zu verabschieden. IHK-Präsident Buck warnte in seiner Rede vor einem drastischen Wirtschaftseinbruch: „Wir müssen auf alles gefasst sein. Legt man die aktuellen Szenarien für einen Gaslieferstopp zugrunde, droht unserer industriestarken Region, die so dringend auf Energieimporte angewiesen ist, ein Rückgang von bis zu acht Prozent der Wirtschaftsleistung.“ Vor allem in der vom Mittelstand und starken Familienunternehmen geprägten Region Bodensee Oberschwaben dürfe man sich nun aber nicht spalten lassen: „Die Aufgabe ist nur gemeinsam als Gesellschaft zu lösen und bedeutet insbesondere jetzt, Gas und Strom zu sparen. Egal ob als Unternehmen oder privat.“ bekräftigt Buck.

Im Folgenden informierten die als externe Experten eingeladenen Gäste, Dr. Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt und Industrie beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin und Olaf Sener, Leiter Asset Management beim Stromübertragungsnetzbetreiber Transnet BW in Stuttgart, die Anwesenden über aktuelle politische und fachliche Entwicklungen im Bereich Gas- und Stromversorgung und Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Drohende Versorgungsengpässe im Winter
Bolay zeichnete in seinem Vortrag ein dramatisches Bild der Lage. „Insbesondere für den Süden und den Osten Deutschlands drohen im kommenden Winter Versorgungsengpässe beim Gas.“ Schiefergasförderung als Lösung für die kurzfristigen Probleme im kommenden Winter erteilte Bolay eine Absage: „Die Kapazitäten müssten erst aufgebaut werden und das dauert. Schiefergas in Deutschland könnte dann voraussichtlich frühestens 2026 einen signifikanten Beitrag leisten.“ Eine Alternative zum teuren Flüssiggas aus Übersee könne diese Rohstoffquelle mittelfristig allerdings durchaus darstellen.

Olaf Sener, als Leiter des Asset Managements bei Transnet BW ausgewiesener Experte für das Stromnetz, beschrieb die aktuelle Stromversorgungslage als herausfordernd, aber sicher. Allerdings attestierte er dem Süden, insbesondere mit Blick auf die Energiewende, langfristig abhängig von Stromimporten zu bleiben. „Wir sind ganz weit weg davon, uns selbst mit Strom zu versorgen.“ Hierfür müsse das Stromnetz noch wesentlich konsequenter ausgebaut werden. „Die gute Nachricht ist, dass die Versorgung Europas aus ausschließlich erneuerbaren Energien technisch machbar ist. Der Aufwand ist allerdings hoch, das muss uns allen bewusst sein.“

Die beiden Fachvorträge lieferten die Basis für die anschließende Debatte um den zentralen Beschluss der Sommersitzung der Vollversammlung der IHK Bodensee-Oberschwaben zur Sicherung der Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit in der Region. Darin sprach sich die IHK unter anderem für ein transparentes Vorgehen bezüglich der Abschaltregeln aus, welches die Grundstoffindustrie sichere und die Zuständigkeiten klar regle. Ganz unmittelbar bedürfe es jetzt Mechanismen, um die Unternehmen zu unterstützen, die besonders stark von den hohen Gaspreisen oder gar möglichen Abschaltungen betroffen sind oder sein werden. Zur Sicherung der Versorgung mit Strom und Gas forderte die Vollversammlung die Politik auf, alle Möglichkeiten ideologiefrei und ergebnisoffen zu prüfen, was explizit auch die Verlängerung der Laufzeit der verbliebenen deutschen Kernkraftwerke einschließen müsse. Langfristig bekräftigte das Gremium allerdings die Forderung zur Vollendung der Energiewende, denn nur so lasse sich das Problem dauerhaft lösen.

Neben dem Beschluss zur Sicherung der Energieversorgung widmete sich die IHK Vollversammlung der Vorbereitung für die im kommenden Jahr anstehenden Wahlen zur Vollversammlungsperiode 2023-2028. Sie setze hierfür einen ehrenamtlichen Wahlausschuss ein. Die Hauptgeschäftsführerin der IHK, Anje Gering, berichtete über aktuelle Themen aus der IHK-Arbeit, unter anderem die zum Stichtag 30. Juni 2022 neu geschlossenen Ausbildungsverträge. Leider setze sich der Trend der rückläufigen Ausbildungszahlen weiter fort. Die IHK werde ihre Anstrengungen bei der Bewerbung einer Fachkariere mit beruflicher Ausbildung zusammen mit ihren Partnern in der Region beibehalten und weiter intensivieren.

Verleihung der Goldenen Ehrennadel an ehemaligen Hauptgeschäftsführer
Beim an die Vollversammlungssitzung anschließenden gemeinsamen Abendessen, bei
dem knapp 50 Vollversammlungsmitglieder und Gäste anwesend waren, verlieh IHKPräsident Martin Buck feierlich dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer Prof. Dr.-Ing. Peter Jany für sein herausragendes Engagement für die Wirtschaftsregion Bodensee-Oberschwaben die Ehrennadel der IHK in Gold. „Wir sind hier in der Region als Menschen und als Unternehmerinnen und Unternehmer vollkommen zurecht stolz darauf, zu einer der innovativsten, wirtschaftsstärksten und lebenswertesten Regionen der Bundesrepublik Deutschland zu gehören. Dafür, dass wir dies werden konnten und dass dies auch jetzt und in Zukunft so bleibt, bedarf es immer wieder ganz besonderer Persönlichkeiten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, unter erheblichen Abstrichen im Privatleben mit einem hohen Zeiteinsatz für die Region unterwegs zu sein und dabei die Interessen der regionalen Wirtschaft als Diplomat und Speerspitze zugleich zu vertreten,“ lobte Buck Janys Engagement.

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