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Veränderung von Geschichte zu vermeiden ist keine Option 

BAD WURZACH
Der in Hamburg geborene und in Wien lebende Schriftsteller Philipp Blom wurde am Sonntag für sein 2009 beim Carl-Hanser-Verlag in München erschienenes Buch „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914“ mit dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis der Stadt Bad Wurzach ausgezeichnet. Im Rahmen der Preisverleihung im Kurhaus am Kurpark erhielt er als mittlerweile 17. Preisträger den mit 10.000 Euro dotierten Preis mit Urkunde durch den Bad Wurzacher Bürgermeister Roland Bürkle überreicht.

In seiner Begrüßungsansprache beschrieb Bürkle die Vielseitigkeit des Preisträgers, dessen Tätigkeiten vom Schriftsteller und Historiker bis Übersetzer und Journalist reichen. „Ich habe selten ein vielfältigeres Spektrum eines Literaturpreisträgers gefunden. Das spiegelt auch das prämierte Buch wider, weil Sie einen völlig anderen Ansatz gewählt haben als viele andere Historiker.“ Bürkle betonte dabei, dass das Werk des Schriftstellers ausgezeichnet in die Tradition des Literaturpreises passe, da es die Denk- und Sichtweise der Menschen für ihre Zeit vor Beginn des ersten Weltkriegs in den Vordergrund stelle. Friedrich Schiedel sei jemand gewesen, der sich immer gefragt habe, was man aus der Geschichte lernen könne. „Ich glaube, Friedrich Schiedel wäre sehr dankbar gewesen für dieses Buch“.

Der Friedrich-Schiedel-Literaturpreis zeichnet Werke aus, die Inhalte der Geschichte des deutschsprachigen Raumes seit etwa 1715 einem breiten Leserkreis menschlich bewegend und in würdiger, literarisch wertvoller Form nahe bringen. Der Preis verbindet damit Geschichtswissenschaft und Literatur und ist mit dieser Zielsetzung einmalig in Deutschland. „Das Werk zeichnet ein umfassendes Bild der damaligen Zeit ab und macht es leicht nachvollziehbar, woher sich der erste Weltkrieg entwickelt hat“, heißt es in der Begründung der Jury zur Auszeichnung von Philipp Blom. Das Werk beschreibe in sprachlich eleganter und sachlich fundierter Weise die bewegten und unruhigen Jahre von 1900 bis 1914, in der sich die Menschen mit großen industriellen und gesellschaftlichen Umbrüchen auseinanderzusetzen hatten. „Es ist Philipp Bloms bleibender Verdienst, durch seine meisterhafte Erzählkunst wichtige Veränderungen in Europa und Deutschland für den Leser bravourös und gewinnbringend bespiegelt zu haben“, heißt es in der Jurybegründung weiter.

Statt einer Laudatio hatten Stadt und Stiftung dieses Jahr erstmals ein Podiumsgespräch mit dem Preisträger aufs Programm genommen. Raimund Haser von der Agentur Inhalt aus Leutkirch führte ein gut halbstündiges Interview mit dem Preisträger, in dem die Gäste mehr über den Autor und sein Buch erfahren konnten. „Es ist bewundernswert, wie es Ihnen gelingt, in Ihren Sachbüchern nicht nur reine Geschichte, sondern Geschichten von den Menschen selbst zu erzählen“ zeigte sich Haser von den Ausführungen Bloms beeindruckt. Er lege großen Wert darauf, die Menschen zu betrachten, die hinter der Geschichte stehen. Das habe ihn schon immer fasziniert, so der Schriftsteller.

In seiner Dankesrede betonte Blom, dass es bei der Betrachtung von Geschichte immer auf den Blickwinkel ankomme. Für eine realistische Beurteilung müsse man sich in die Zeit und die Denkweise der jeweiligen Epoche hineindenken. Vor dem ersten Weltkrieg seien die Menschen vor einem unglaublichen Wandel der Gesellschaft mit rasanter Industrialisierung und grundlegender Änderung des Rollenverständnisses von Mann und Frau gestanden. Dies habe die Menschen damals sehr verunsichert. „Wir sind nicht in der moralischen Position, das Handeln früherer Generationen zu beurteilen“, so der Preisträger. Vielleicht würden spätere Generationen an die heutige Zeit im Hinblick auf Umweltsünden oder Erderwärmung ebenfalls Vorwürfe richten der Art „Wie konnten Sie nur“. Eine wichtige Lehre der Geschichte für ihn sei, dass man Veränderungen zwar verzögern aber nicht aufhalten könne. Unserer Generation gehe es mit der Gegenwart sehr gut und sie wolle insofern eigentlich gar keine veränderte Zukunft. „Die Veränderung von Geschichte zu vermeiden, ist aber keine Option“.

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