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Unter NS-Regime verfolgte Stadträte geehrt 

Den Zeitpunkt für die Enthüllung einer Gedenktafel für politisch verfolgte Kommunalpolitiker nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hätte die Stadt Ravensburg kaum symbolträchtiger wählen können. Im großen Sitzungssaal bereiteten sich die Fraktionen auf die bevorstehende Sitzung vor, im Flur versammelten sich auf Einladung rund 100 Angehörige und Vertreter der Stadtverwaltung, um elf damalige Stadträten zu ehren. Sie waren Sozialdemokraten, Vertreter der Christlichen Nationalen Arbeitnehmerschaft sowie Mitglieder der KPD und der Zentrum-Fraktion. Gewählt waren sie allesamt in freien und demokratischen Wahlen, doch im März 1933 war dies nichts mehr wert. Nach der Machtübernahme Hitlers und der nachfolgenden Reichstagswahl folgte die systematische Verfolgung politischer Gegner. „Betroffen waren da nicht nur Berlin oder Stuttgart, sondern auch kleine Städte wie Ravensburg“, mahnte Oberbürgermeister Daniel Rapp bei seinem geschichtlichen Anschnitt auf das sogenannte Ermächtigung- und Gleichschaltungsgesetz, das den Ravensburger Gemeinderat ab April 1933 von 28 auf 20 Mitglieder reduzierte.

Die Hälfte des Gremiums war danach mit Nationalsozialisten besetzt. Hiermit begann auch der konsequente Kampf gegen politische Gegner. Schikanen und Diskriminierung waren es am Anfang, die Einlieferung in die Konzentrationslager Heuberg und Kuhberg der Höhepunkt der politischen Säuberung in der damaligen Kommunalpolitik. „Ab Herbst 1933 wurden durch die willkürliche Besetzung des Gemeinderates durch NSDAP-Mitglieder sämtliche demokratischen Strukturen beseitigt.“, so Daniel Rapp.

In sogenannte „Schutzhaft“ genommen wurde unter anderem auch der Kreisvorsitzende der KPD, Wilhelm Weigold. Dessen Enkel Rolf-Peter erinnert sich, dass der Großvater nur spärlich von der erniedrigenden Haft erzählt hat. „Das lag sicherlich auch daran, dass wir damals noch zu jung waren. „Wir wissen aber noch, dass seine Nieren gelitten haben, weil man ihm im Lager ständig mit eiskaltem Wasser abgespritzt hatte“, erzählt Rolf-Peter Weigold, der mit weiteren Familienmitgliedern zur Enthüllungsfeier der Gedenktafel gekommen war. Stadtarchivar Andreas Schmauder, der den von Wilfried Kraus (Bürger für Ravensburg) initiierten Antrag auf die Gedenktafel zusammen mit Peter Eitel die geschichtlichen Grundlagen lieferte, fand bei seinen Recherchen weitgehend lückenlose Belege für die Diskriminierung der elf Stadträte. „Durch die wochen- und monatelangen Bedingungen in den Konzentrationslagern waren das danach gebrochene Menschen“, berichtete Schmauder. Auch nach ihrer wochen- und teils monatelangen Haft wurden die einstigen Stadträte bedroht, überwacht und mit beruflichen Nachteilen konfrontiert. Ihre Sitze im Gemeinderat waren da längst mit NSDAP-Mitgliedern besetzt. Oberbürgermeister Daniel Rapp spannte den Bogen bei der Installation der Gedenktafel auch in die Neuzeit: „Wir leben heute in einer freien Gesellschaft, dabei dürfen wir den schweren Kampf für eine freie Meinung auch heute nicht außer Acht lassen“, sagte Rapp.

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