Ihre Nachrichten und Infos aus Ravensburg und der Region|Mittwoch, Oktober 16, 2019
Sie befinden sich: Home » Aktuelles » Mediziner, Macher, Menschenfreund.

Mediziner, Macher, Menschenfreund. 

Er hat die Psychiatrielandschaft maßgeblich mitgestaltet, sich stets für die Belange benachteiligter Menschen eingesetzt und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Nur eines liegt ihm nicht: sich dessen zu rühmen. Denn sein Engagement für Patientinnen und Patienten gehört für Prof. Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel schlichtweg zur selbstverständlichen Aufgabe eines Mediziners. Bei seiner Verabschiedung in Weissenau blickte der langjährige Ärztliche Direktor und Leiter der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie im ZfP Südwürttemberg gemeinsam mit Wegbegleitern auf seine Lebenswerk zurück.

Zur Psychiatrie kam der gebürtige Friedrichshafener schon während seines Psychologiestudiums. Bei einem Praktikum in der Weissenauer Klinik fand er 1972 Gefallen an der Profession des Psychiaters. „Mich reizte die Tatsache, dass keiner genau erklären konnte, wie Körper und Geist bei einer psychiatrischen Erkrankung zusammenspielen.“ So begann er sein Medizinstudium in Tübingen und Berlin mit dem festen Vorsatz, den Weg in die Psychiatrie einzuschlagen. Nach seiner Facharztausbildung in Bedburg-Hau und Reichenau trat er 1983 eine Stelle als Leiter der Weiterbildungsstätte und Bereichsleiter am damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weissenau an.

„Ein Krankenhaus ist kein Ort zum Leben“ – das wurde Schmidt-Michel schon in seinen frühen Berufsjahren klar. Immer wieder stellte er fest, dass Patienten länger stationär behandelt werden mussten, weil geeignete Angebote wie Tagesstätten, Betreute Wohnangebote oder Krisendienste fehlten. „Ein funktionierendes therapeutisches Konzept betrachtet den Patienten als vollwertigen Menschen mit allen Rechten und Pflichten – das lässt sich in großen Institutionen und bei langandauernder Erkrankung nur schwer umsetzen.“ Seit den 1980-er Jahren engagiert er sich deshalb im sozialpsychiatrischen Hilfsverein Arkade im Landkreis Ravensburg und war Anfang der 1990-er Mitbegründer der Pauline 13, das Pendant für den Bodenseekreis. Ziel war es, außerhalb des Kliniksystems Strukturen zu schaffen, in die psychisch Kranke entlassen werden konnten.

Auch innerhalb des ZfP Südwürttemberg verfolgte er konsequent den Ausbau einer gemeindenahen Psychiatrie. Er trieb die Einführung der Psychiatrischen Institutsambulanzen voran, engagierte sich in Wangen für die landesweit erste Satellitenstation und eine weitere am Klinikum Friedrichshafen und etablierte einen ambulanten Krisendienst. Das alles tat er auf seine eigne Art und Weise: ruhig, ohne viel Aufhebens, aber zugleich zielstrebig und mit langem Atem. „Wer ein klares Ziel hat, muss sich eben über Widerstände hinwegsetzten und einfach mal anfangen“, sagt er. Auch dann, wenn es wie in Friedrichshafen mehrere Jahre dauerte, bis ein Projekt tatsächlich realisiert werden konnte. „Paul-Otto Schmidt-Michel hat viel dazu beigetragen, dass wie heute auf unsere Psychiatrie stolz sein können“, stellte ZfP-Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp in seiner Ansprache beim Festakt klar.

Neben seinen zahlreichen Projekten in der Region gestaltete Schmidt-Michel Psychiatrie auch auf Bundesebene mit. Als Vorstand der Aktion Psychisch Kranke wird er von Entscheidungsträgern der Politik gehört und anerkannt. „Seine fachliche Kompetenz und sein Engagement sind für uns von höchster Relevanz“, betonte Prof. Dr. Heiner Kunze, ehemaliger Vorsitzender der Aktion Psychisch Kranke anlässlich der feierlichen Verabschiedung von Schmidt-Michel.

Sein wahres Steckenpferd aber war die Familienpflege. Während seiner Promotion in Psychiatriegeschichte setzte er sich intensiv mit diesem Konzept, bei dem psychisch kranke Menschen in Gastfamilien aufgenommen werden, auseinander. „Die alte Idee aus dem 19. Jahrhundert hat mich total fasziniert und ich war überzeugt, dass so etwas auch heute möglich ist“, berichtet er. Indem er mit dem Landeswohlfahrtsverband die Finanzierung für die Gastfamilien aushandelte, legte er den Grundstein für die heutige psychiatrische Familienpflege. „Als Arzt sehe ich es als meine Aufgabe, für Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie gedeihen können.“

Wer diesen Satz aus dem Mund des engagierten Mediziners hört, kann sich vorstellen, wie schockiert er 1990 von den Verhältnissen beim Besuch einer psychiatrischen Klinik in Rumänien war. Als er die unterernährten, weggesperrten Patienten sah, die unter katastrophalen medizinischen Bedingungen lebten, war ihm klar: „Da kann man nicht einfach wieder wegfahren.“ Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen gründete er den Verein Beclean, der seitdem für bessere Bedingungen in Rumänien kämpft.

Ein weiterer entscheidender Schritt für den 2006 zum Ärztlichen Direktor ernannten Sozialpsychiater war die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der von den Nationalsozialisten ermordeten Weissenauer Patienten. „Wenn Sie einmal 100 Berichte von Psychiatern aus dieser Zeit gelesen haben, wird die Frage, wie man selbst gehandelt hätte, unerträglich.“ Gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Hermann Vogler, Kulturreferent Dr. Franz Schwarzbauer und Mitarbeitenden des ZfP Südwürttemberg setzte er mit dem Denkmal der Grauen Busse ein wichtiges Zeichen. Inzwischen ist dieses Mahnmal weit über die Region hinaus zum Kernsymbol des Gedenkens an die Ermordung psychisch Kranker geworden.

Ob es dem unentwegten Kämpfer für eine Entstigmatisierung der Psychiatrie schwer fällt, sich aus dem Amt des Ärztlichen Direktors zu verabschieden? Da muss er nicht lange überlegen: „Wenn ich denke, dass ich mich nicht mehr um schwierige Finanzierung, langwierige Bauprojekte oder die Besetzung offener Arztstellen kümmern muss, bin ich froh“, sagt er lachend. Er freue sich schon darauf, endlich mehr Zeit für sein Hobby, die Psychiatriegeschichte, zu haben. Gerne werkelt er an seiner Hütte im Bregenzer Wald, wo er auch liest und schreibt. Sein jüngstes Werk, die Dokumentation eines psychiatrischen Unterstützungsprojektes in Rumänien, erscheint pünktlich zu seinem Abschied im Verlag Psychiatrie und Geschichte des ZfP Südwürttemberg. Es trägt den Titel „Zeitenwenden“.

 

Print Friendly, PDF & Email