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Gebremstes Wachstum, aber kein Abschwung 

Das Thema einer flächendeckenden Glasfaserversorgung habe auch im Jahr 2019 hohe Priorität, sagte Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), in seiner Begrüßung bei der Wintersitzung der IHK-Vollversammlung in Kißlegg. Nach Gesprächen mit Vertretern aus Kommunikationsunternehmen und der Politik zeigte er sich zuversichtlich, „dass auch in unserem Raum Breitband vorangeht. Es bewegt sich was.“ Das sei richtig, aber es bewege sich noch zu wenig, sagte Kißleggs Bürgermeister Dieter Krattenmacher, der die Wirtschaftsvertreter in seiner Kommune begrüßte. Er beklagte eine vielfach fehlende Kommunikation sowie schwierige Rahmenbedingungen in diesem Bereich und bedankte sich bei der IHK für deren Engagement und Unterstützung in Sachen Breitbandversorgung. „Die IHK kommt bei uns gut an“, so Krattenmacher.

Das neue Jahr berge zahlreiche wirtschaftliche Chancen und Risiken, sagte IHK-Vizepräsident Ralph Winterhalter, der in der Vollversammlung über das Thema Brexit sprach. Auch die regionale Wirtschaft stehe durch den geplanten EU-Austritt Großbritanniens vor großen Herausforderungen. Das Meckenbeurer Familienunternehmen Winterhalter ist Experte für Gastronomie-Spülsysteme und unterhält seit 1972 eine Tochtergesellschaft in England mit 168 Mitarbeitern. Die seit zwei Jahren bestehende Unsicherheit, wie es nach dem Brexit weitergehe, bereite Sorgen. „Wir haben in England seit drei Monaten einen kompletten Investitionsstopp“, berichtete Winterhalter. Zudem sei zu befürchten, dass auch die Beschäftigung von Fachkräften aus dem EU-Ausland – derzeit drei von vier – künftig durch Visa- und andere rechtliche Regelungen schwieriger werde. Hinzu kämen Erschwernisse durch Zölle, Bürokratie und die Harmonisierung von Industrienormen, so Winterhalter weiter. „Dennoch glauben wir an England, da es für uns ein attraktiver und wichtiger Markt ist.“

Die regionale Konjunktur
Aktuelle Informationen zur regionalen Konjunkturentwicklung hatte Bettina Wolf vom IHK-Geschäftsbereich Standortpolitik für die Vollversammlungsmitglieder. 2018 sei das sechste Aufschwung-Jahr in Folge und ein für die regionalen Unternehmen sehr erfolgreiches Jahr gewesen. Die Ergebnisse der aktuellen IHK-Herbstumfrage seien immer noch sehr positiv, wenn auch auf hohem Niveau leicht rückläufig“, berichtete Bettina Wolf. Immer noch beurteilen 61 Prozent der regionalen Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 32 Prozent sind mit ihrer Geschäftslage zufrieden und nur 7 Prozent bezeichnen ihre Geschäftslage als schlecht. Damit seien gut neun von zehn Unternehmen positiv gestimmt, so Bettina Wolf weiter. Bei den Geschäftserwartungen gehe die Einschätzung leicht zurück, aber auch hier erwarten 93 Prozent der Unternehmen zumindest eine gleich bleibende Geschäftsentwicklung. „Auf dem derzeitigen Niveau bedeutet das weiterhin Aufschwung und weitere Steigerungen sind auch kaum noch möglich“, so die Bewertung von Bettina Wolf.

Bei den Investitionen und der Beschäftigung falle auf, dass die Salden stärker nach unten gehen und den einstelligen Bereich erreicht haben. Immer noch gut jedes fünfte Unternehmen sucht Personalverstärkung, fast zwei Drittel wollen am Personalbestand nichts ändern. „Auch wenn der Knick deutlich ist, bedeutet das weiter Beschäftigungsaufbau und verstärkt umgekehrt aber das Problem des Fachkräftemangels“, erklärte Bettina Wolf. Die Beschäftigung sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. „Im März 2018 hatten wir knapp 256.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Region. Das bedeutet seit 2010 einen Anstieg um rund 20 Prozent“ Der Fachkräftemangel stehe mit 61 Prozent an erster Stelle der Risikoeinschätzung bei den Betrieben. Als weitere Risiken nennen die Unternehmen die Arbeitskosten, die Inlandsnachfrage sowie die Energie- und Rohstoffpreise“, so Bettina Wolf. Als Reaktion auf den steigenden Fachkräftemangel wollen die Unternehmen mehr aus- und weiterbilden, die Arbeitgeberattraktivität steigern sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern.

Der Blick in die einzelnen Branchen wurde durch Erfahrungsberichte einzelner Vollversammlungsmitglieder ergänzt. Die Industrie in der Region habe ein sehr gutes Jahr hinter sich. Auch wenn die Herbstumfrage zeige, dass der Aufschwung etwas an Fahrt verliere, sei die Beurteilung der Geschäftslage auf hohem Niveau, berichtete Bettina Wolf. Dies bestätigte Stefanie Reich (TOX Pressotechnik GmbH & Co. KG, Weingarten). Nach einem erfolgreichen Jahr 2018 erwarte man für 2019 ein gedämpftes Wachstum. TOX habe in 2018 kräftig investiert, dies zahle sich jetzt aus. Darüber hinaus werde das Unternehmen Prozesse weiter optimieren und auch in seine Mitarbeiter investieren. Bei Bix sei das Jahr 2018 durch hohe Innovationen und Investitionen geprägt gewesen, berichtete Johannes Bix (Bix Beschichtungen GmbH, Messkirch). „Wir haben große Aufträge erhalten, die ersten drei Quartale waren bombastisch.“ Danach seien die Aufträge für den Oberflächenveredler wegen der PKW-Zulassungsverzögerungen in der Automobilindustrie um rund 20 Prozent eingebrochen. Das Minus könne aber verkraftet werden. „Für 2019 sind wir grundsätzlich optimistisch“, so Bix.

Im Großhandel laufen die Geschäfte rund, laut Herbstkonjunkturumfrage ist auf hohem Niveau etwas Ruhe eingekehrt. „Einige Unternehmen sind mit ihrer Einschätzung von gut nach befriedigend gewechselt“, berichtete Bettina Wolf. Auch der Einzelhandel sei zufrieden mit dem Geschäftsverlauf, die Ertragslage sei zufriedenstellend. Der KfZ-Handel habe in diesem Jahr ein Wachstum von 1,4 Prozent bei Neuwagen verzeichnet, so Dr. Hanna-Vera Müller (AMF Auto-Müller GmbH, Friedrichshafen). Zwei Drittel der Neuzulassungen seien Benziner. Alternativantriebe wie Hybride hätten lediglich einen Anteil von 5 Prozent. Für 2019 rechne man mit stabilen Zahlen und einem leichten Umsatzplus. Der Trend zu großen, teuren Autos halte an, im Bereich E-Fahrzeuge bleibe der Durchbruch aus. Dieselfahrzeuge hingegen würden weiterhin eine große Rolle spielen, so Hanna-Vera Müller. 2019 werde wohl auch ein stärkeres Werkstattjahr, sagte sie und forderte klare Regeln für die Diesel-Nachrüstungen.

Insgesamt gut gehe es der Dienstleistungsbranche, vermeldete Bettina Wolf. Die Geschäftslage werde als stabil beurteilt. Bei den Erwartungen zeige man sich optimistisch. Das Hotel- und Gaststättengewerbe habe einen Spitzensommer verzeichnet, lediglich die unternehmensnahen Dienstleister sprächen von einem Dämpfer auf hohem Niveau. Vizepräsident Roman Brenner (SüdwestRing Versicherungsmakler GmbH
Weingarten) berichtete von einem zehnprozentigen Umsatzplus in 2018, die Beschäftigtenzahl sei um 5 Prozent gestiegen. Das Unternehmen suche weitere Mitarbeiter, was nicht einfach sei, und bilde auch aus. „Wir haben unsere Unternehmensziele in diesem Jahr erreicht“, so Brenner. Auch für 2019 habe man positive Erwartungen. In der Messelandschaft gebe es aktuell ein Messebeben“, sagte Klaus Wellmann (Messe Friedrichshafen GmbH). Er verwies auf das Aus der Cebit oder auch auf die IAA 2019, bei der wichtige Hersteller und Importeure nicht mehr dabei seien. Es sei fraglich, welche Bedeutung Messen im digitalen Zeitalter noch hätten, so Wellmann. Die Messe Friedrichshafen habe keine Autobahnanbindung und sei nicht zuletzt aufgrund der mangelhaften Verkehrsinfrastruktur benachteiligt, da Veranstaltungen nur bis zu einer gewissen Größe möglich und machbar seien. „Unsere Erwartungen sind gedämpft“, so Wellmann. Es werde aber immer Marktplätze für Produkte geben, wenn auch mit geänderten Formaten. Grundsätzlich habe die Messe Friedrichshafen auch weiterhin eine Zukunft, da man zudem verstärkt Messen im Ausland veranstalte.

Das Kreditgewerbe der Region habe nach wie vor mit den bekannten Problemen wie der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zu kämpfen, so Bettina Wolf. Von einem dennoch guten Geschäftsjahr berichtete Jürgen Strohmaier (Volksbank Friedrichshafen-Tettnang eG). Die zwei vergangenen Jahre seien durch die erfolgreiche Fusion der Volksbanken Friedrichshafen und Tettnang zu einer großen genossenschaftlichen Bank geprägt gewesen. Mit 30.000 Mitgliedern beziehungsweise Eigentümern und 50.000 Kunden sei die Bank nun gut für die Zukunft aufgestellt. Das Firmen- und Privatkundengeschäft sei gut gelaufen, die Kreditnachfrage habe weiter zugenommen, so Strohmaier. Trotz zunehmender Regulierungen, eines hohen Bürokratieaufwands und einer belastenden Zinsentwicklung sei man für 2019 zuversichtlich.

Der Aufschwung in Deutschland und im Euroraum setze sich fort, gab Bettina Wolf abschließend einen Ausblick für 2019. Die Prognosen für die Zuwachsraten des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen im Schnitt bei 1,5 Prozent. Die Wachstumsdynamik bleibe erhalten, damit gerate die deutsche Wirtschaft in eine zunehmende Überauslastung. „Gebremstes Wachstum, aber kein Abschwung, und weiter steigende Beschäftigung“, so der Ausblick von Bettina Wolf.

Arbeitsprogramm verabschiedet
Sehr beschlussfreudig zeigten sich die Vollversammlungsmitglieder in ihrer Wintersitzung. Einstimmig verabschiedeten sie das nach ihren Anregungen von der IHK erstellte Arbeitsprogramm für die Wahlperiode 2018 bis 2023. Neben ihren zentralen Aufgaben wie der Aufstellung von Grundsatzpositionen der IHK-Politik, der Vertretung der gesamtwirtschaftlichen Interessen und der Wahrnehmung der IHK-Finanzhoheit wird sich die Vollversammlung besonders der wirtschaftlichen Entwicklung der Region widmen. Darüber hinaus sollen weitere Maßnahmen und Initiativen ausgewählte Schlüsselthemen wie „Fachkräfte“, „Infrastruktur“, „Digitalisierung“, „Europa“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ befördern.

Volle Zustimmung durch die Vollversammlungsmitglieder gab es zudem bei der Verabschiedung des Wirtschafts- und Finanzplans sowie der Wirtschaftssatzung 2019 und bei den Europapolitischen Positionen 2019 mit zehn Top-Forderungen – darunter auch die für die Region besonders im Fokus stehenden Forderungen, geeignete digitale Rahmenbedingungen zu schaffen sowie die europäische Verkehrsinfrastruktur an den wachsenden Bedarf anzupassen, Engpässe zügig zu beseitigen und marode Anlagen zu sanieren.

Ehrungen
Zum Abschluss der Vollversammlungssitzung konnte IHK-Präsident Martin Buck die Vollversammlungsmitglieder Stefan Zimmer (HEKA Stefan Zimmer e.K., Friedrichshafen), Markus Kleiner (Heinz-Dieter Schunk GmbH & Co. Spanntechnik KG, Mengen), Marcus Thommel (Thommel Industrie- & Handwerkerbedarf GmbH, Ravensburg), Roman Brenner (SüdwestRing Versicherungsmakler GmbH, Weingarten), Jürgen Strohmaier (Volksbank Friedrichshafen-Tettnang eG), Heinz Pumpmeier (Kreissparkasse Ravensburg), Michael Grossmann (Fritz Grossmann KG, Friedrichshafen) und Gudrun Lohr-Kapfer (L.O.H.R – Holding GmbH,Ravensburg) für ihre langjährige Mitgliedschaft ehren. Auch Martin Buck selbst erhielt eine Ehrung für sein langjähriges Vollversammlungsengagement – diesen Part übernahm IHK-Hauptgeschäftsführer Professor Dr. Peter Jany.

 

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