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Flüchtlingsgespräche in Weißenau 

Ehrenamtlich und professionell in der Flüchtlingshilfe Tätige sind häufig mit psychischen Erkrankungen der von ihnen Betreuten konfrontiert. Welche Hilfsmöglichkeiten es gibt und wie die Helfenden im Netzwerk diese Herausforderungen meistern, zeigte eine viel beachtete Tagung im Weissenauer Psychiatriezentrum. Die Weissenauer Flüchtlingsgespräche vermittelten eine klare Haltung: Toleranz und Weltoffenheit.

„Das Thema Flüchtlinge ist für das ZfP elementar.“ Klare Worte fand der Ärztliche Direktor des ZfP Südwürttemberg Professor Dr. Tilman Steinert zum Auftakt der Weissenauer Flüchtlingsgespräche. Das ZfP sei zuständig für alle Arten von psychischen Störungen. In der Flüchtlingsfrage sei das ZfP nicht neutral sondern zeige eine „klare Haltung für Weltoffenheit, Integration, Toleranz und gegen Rassismus“, sagte Steinert unter dem Beifall der mehr als 120 Teilnehmenden die in unterschiedlichen Funktionen im Helfernetzwerk tätig sind: Ehrenamtliche, Mitarbeitende aus der Verwaltung, Ärztinnen und Ärzte, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Als Plattform des Austausches versteht das ZfP die Weissenauer Flüchtlingsgespräche. „Wir sind auch Lernende“, betonte Steinert. Der Nutzen der Weissenauer Flüchtlingsgespräche besteht vor allem darin, dass sich ehrenamtliche und professionelle Helfende unterschiedlicher Berufsgruppen zu einem einheitlichen Thema verbinden und dieses aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, betonte der Vertreter des Landratsamtes Klaus Preisinger. Der Blickwechsel schaffe vor allem Verständnis für die jeweils andere Seite.

Der Vormittag stand vor allem im Zeichen traumatisierter Geflüchteter. Die aus Ravensburg stammende, überregional beachtete Traumaexpertin Dr. Petra Moser erklärte, wie traumatisierende Erfahrungen in Betroffenen nachwirken. Den Ehrenamtlichen gab sie Methoden mit auf den Weg, die sie mit den Geflüchteten anwenden können, bevor diese auf Hilfe von Fachleuten zurückgreifen können. Die Psychiaterin betonte, dass zum einen geschützte Räume den an Belastungsstörungen Leidenden Sicherheit bieten und vor allem verlässliche Bindungen für diese Personen wichtig sind. Wie vielfältig die Ursachen sind, die zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, zeigte die Flüchtlingsbeauftragte Michaela Berger vom Landratsamt auf. Die Sozialarbeiterin berichtete aus ihren Erfahrungen in den Gemeinschaftsunterkünften und nannte Gewalt im Krieg, auf der Flucht, Unsicherheit und auch Schuldgefühle gegenüber zurückgelassenen Angehörigen als extrem einschneidende Erlebnisse.

Dr. Michael Föll, Leiter des Gesundheitsamtes skizzierte humorvoll seine Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen dem für ihn als Arzt geltenden Genfer Gelöbnis, dem Beamtengesetz und dem Asylbewerberleistungsgesetz. Föll beschrieb sich facettenreich unter anderem als „Arzt, Beamter, Deutscher, Gutachter, Familienvater, Christ, Staatsbürger, Boatengs Nachbar und Mensch“. Er brillierte vor seinen gebannt lauschenden Zuhörerinnen und Zuhörern mit einer „Fachlichkeit, die ganz aus der Tiefe des Herzens kommt“, wie Moderator und Tagungsleiter Dr. Michel Marpert betonte.

Aus ihrer Tätigkeit als Hausärztin, die Geflüchtete in ihrer Gemeinde Amtzell behandelt, die aber auch das Elend in Krisengebieten der Welt und in Flüchtlingslagern kennt, berichtete Dr. Amy Neumann-Volmer. Als nach wie vor größtes Problem werde oftmals die Sprache beschrieben, sagte die Medizinerin, die häufig für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz ist. Sie verlässt sich in solchen Fällen bei der Untersuchung auf „meine zwei Hände, zwei Augen und manchmal auch die Nase“. Freilich warnte sie davor, alle Beschwerden der Geflüchteten auf traumatische Belastungen zurückzuführen. „Diese Leute sind genau so krank wie die übrigen Patientinnen und Patienten, die zu mir in die Praxis kommen.“

Über unbegleitete Minderjährige, die zu 91 Prozent männlichen Geschlechts sind, berichtete abschließend Werner Nuber, Leiter des Projektes Junge Menschen in Gastfamilien (JuMeGa) des sozialpsychiatrischen Vereins Arkade. Er stellte klar, dass diese Jugendlichen nach geltendem Recht anderen Kindern gleichzustellen sind.

In moderierten Gesprächskreisen tauschten sich die Tagungsgäste über die angesprochenen Themen aus. Die Weissenauer Flüchtlingsgespräche sollen fortgesetzt werden.

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