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Ravensburg

Ein kleines bisschen Nächstenliebe

Bild: OSK

Die Oberschwabenklinik und das St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg haben dankbar sechs ehrenamtliche Helferinnen verabschiedet, die altershalber und durch die Corona-Pandemie von ihrem langjährigen Dienst als Grüne Damen zurückgetreten sind. Die Frauen begleiteten über die Jahre Patienten und Angehörige, halfen ihnen bei der Orientierung im Krankenhaus, gingen auf den Wegen ins Zimmer, zu den Ambulanzen oder zu Ärzten mit und waren Ansprechpartnerinnen für die Patienten. Etwa 8000 Grüne Damen (und übrigens auch Grüne Herren) arbeiteten zu Hochzeiten in sozialen Institutionen in Deutschland. Sie sind   wichtige soziale Kontakte für die Patienten, manchmal sogar die einzigen, ein Retter in der Not.

Auch Inge Herold, 81 Jahre jung, hört nach 46 Jahren Ehrenamt für das EK auf. 1976 hatte sie die Verantwortung für die Patientenbücherei übernommen. Die Ravensburgerin arbeitete in ihrer Freizeit bereits in der Pfarrbücherei, ein Chefarzt bekam das mit und ließ anfragen, ob sie auch im Krankenhaus helfen könne.  Anforderungsprofil: „Sie suchten jemanden, der jung und stabil ist, weil der Bücherwagen im Krankenhaus schwer sei. Das war ich, ich hatte ja Übung.“ Der Bücherwagen? „Ja, damals gab es am EK einen Bücherwagen, der von Zimmer zu Zimmer gefahren wurde. Die Patienten waren ja zum Teil Wochen lang da und waren froh über neue Bücher und jede Ablenkung.“

Herold und die sechs grünen Damen, die am EK Abschied nahmen, haben einiges erlebt in ihrer oft jahrzehntelangen Arbeit. Die meisten wollten im Ruhestand etwas zurückgeben, waren auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, eben: einem Ehrenamt.

Inge Herold begann bereits mit 35 Jahren am EK, und das war gar nicht einfach: „Damals war es nicht selbstverständlich, dass Frauen ihren eigenen Weg gingen und den ganzen Tag weg waren von Zuhause“, erzählt sie. Herold erinnert sich auch noch genau, wie sie mit einem einstigen Pfarrer und Seelsorger – das EK wurde damals noch von den Franziskanerinnen aus Reute geleitet und war christlich-konservativ geprägt – einen kleinen Konflikt hatte, weil sie sich erlaubte, ab und an Wäsche von Patienten mitzunehmen und zuhause zu waschen. „Er war entrüstet und hat gemeint, wir seien hier doch nicht die Waschfrauen. Aber das war mir egal, es war ja ein gutes Werk. Wir haben Patienten sogar öfters mal neue Kleidung geschenkt und ausgeliehen, die wir von Sammelstellen hatten. Was soll denn ein Patient tun, der gerade einen Autounfall hatte und ganz ohne Gepäck und ohne Angehörige ist?“, fragt Herold. „Außerdem waren ich und andere Ehrenamtliche ja auch Seelsorgerinnen. Viele Patienten brauchten jemanden zum Reden.“ Und dann redete sie eben. Über Gott, die Welt, über Glaube, Liebe und Hoffnung. „Wissen Sie: Den wenigsten Menschen, die im Krankenhaus sind, geht es gut“, sagt die 81-Jährige. „Die meisten Menschen kommen mit Ängsten hier an, wissen nicht, wie es weitergeht, und es ist nicht immer einfach, sich dann plötzlich mit allem zurechtzufinden. Da ist man froh, wenn man Hilfe hat.“

Also half sie. Zeigte Wege und Bücher, rief bei Ämtern an und bei Angehörigen, wusch zum Leidwesen des Pfarrers Wäsche und redete. Wie die Grünen Damen, die nun mit ihr gingen, war sie für ein kleines bisschen Nächstenliebe zuständig. Doris Kraus, ebenfalls seit Jahrzehnten in EK-Diensten, koordiniert die Einsätze der stillen Helferinnen. Sie sagt: „Man nimmt bei dieser Arbeit menschlich unheimlich viel mit. Man wird zufriedener, demütiger. Man sieht oft, wie gut es einem selbst geht. Wann man gesund ist, Familie und Freunde hat, dann hat man schon sehr viel, und dann merkt man, man kann auch etwas zurückgeben. Vieles nehmen wir zu selbstverständlich, das spürt man erst, wenn man mit Menschen zu tun hat, die wirklich in Not sind.“

Kraus, selbst gelernte Krankenpflegerin, stammt noch aus einer Zeit, in der soziale Arbeit sehr begehrt war. Auch sie war zunächst ehrenamtlich tätig: „Ich habe als Sonntagsmädchen hier angefangen, auch, weil ich hier eine Ausbildung als Schwester machen wollte. Das war ein Glücksfall. Damals gab es 600 Bewerbungen auf 32 Plätze, und wir Sonntagsmädchen, die schon gezeigt hatten, was sie konnten, wurden bevorzugt.“

Dreißig Jahre lang arbeitete Kraus am EK in der Pflege, so lange, bis der Rücken zu sehr zwickte. Heute leitet sie den Empfang und die Patientenaufnahme und ist eine Art Schwester für alles. Keiner weiß besser als Doris Kraus, was die Grünen Damen Gutes für das Krankenhaus getan haben. „Sie haben anderen Menschen und diesem Krankenhaus einen großen Dienst erwiesen“, sagte Kraus bei der Verabschiedung und überreichte ihren Helferinnen Blumen. „Man hat in der Pandemie gesehen, wie sehr Sie und ihre Betreuung fehlt, vor allem dann, wenn noch Besuchsverbot herrscht und sich die Patienten isoliert fühlen.“

Nachwuchs wäre also schön für das EK, immerhin: Zwei neue Grüne Damen für den Begleitservice hat Doris Kraus bereits gefunden. „Ich freue mich über jeden, der bei uns mitarbeiten will“, sagt sie. „Die wichtigste Bedingung ist: Man sollte gut zu Fuß sein. Denn in einer großen Klinik wie dem EK von heute legt man schon mal einige Kilometer zurück.“

Als Dank bekommt man Wertschätzung zurück, wie Ursula Strehle erzählt. Auch sie war mehrere Jahre lang Grüne Dame am EK, auch sie hört nun auf. Strehle sagt: „Die Zeit hier hat großen Spaß gemacht. Die Menschen waren einfach dankbar, und ich selbst kam mir nützlich vor, gebraucht. Ehrenamtlich im Krankenhaus zu arbeiten, eine Grüne Dame zu sein, das mag sich vielleicht niederschwellig anhören. Aber es ist eine wunderbare Aufgabe.“

Jahrelange ehrenamtliche Helferinnen, die dem St. Elisabethen-Klinikum fehlen werden:

Im Bild von links nach rechts: Brigitte Götz, Barbara Elsässer, Ulrike Hund, Inge Herold und Doris Kraus, die im EK die Einsätze der Grünen Damen koordiniert.

Einzelbild: Ursula Strehle.

Nicht auf dem Bild, aber ebenfalls Jahrelang für das EK tätig: Elfi Schuck und Marivic Schlosser.